Selina ist großer Fan von True Crime. Sie sagt, dass echte Kriminalfälle in ihr eine gesunde Angst auslösen. Aber warum ist dieses Genre für viele so faszinierend? Und verändert es etwas in uns und in der Art, wie wir uns im Alltag bewegen?
True-Crime-Podcasts, aber auch Serien und Dokumentationen darüber, sind sehr beliebt – auch bei Selina. Sie hält es für wichtig, sich mit solchen Kriminalfällen auseinanderzusetzen, um zu verstehen, dass sie wirklich passieren können. Gleichzeitig meint sie, dass das Genre ein Bewusstsein dafür schafft, nicht jeder Person blind zu vertrauen.
"True Crime kann Angst auslösen, aber ich finde eine gesunde Angst – bei mir zumindest."
Auch Lille ist ein Fan von True-Crime-Fällen. Bei ihr ist es allerdings eher so, dass sie diese Fälle nicht zu sehr an sich heranlässt: "Vielleicht habe ich einfach ein zu positives Menschenbild dafür. Ich glaube auch, dass ich irgendwie nicht so richtig damit rechne, dass es mir auch passieren könnte." Sie möchte nicht, dass die Angst Überhand nimmt und sie daran hindert, normale Dinge im Alltag zu unternehmen – wie in die Stadt zu gehen oder Freunde zu treffen.
Wenn True Crime negative Gefühle auslöst
Es gibt aber natürlich auch Menschen, die keine True-Crime-Fans sind. Dazu gehört beispielsweise Doro. Sie hat sich eine Zeit lang dafür interessiert, möchte das aber jetzt nicht mehr hören: "Ich finde es erschreckend, dass so etwas wirklich passiert. Es sind auch schlimme Sachen. Und dann höre ich mir so etwas nicht mehr gerne an."
"Irgendwann war es mir zu realistisch und hat mir auch sehr negative Gefühle gegeben – und auch eher so ein Angstgefühl."
Die Forschung zeigt: Der weibliche Anteil der Hörerinnen und Hörer von True-Crime-Podcasts liegt deutlich höher als der der Männer – nämlich zwischen 75 und 93 Prozent. Das belegen mehrere Untersuchungen aus den USA.
True Crime boomt schon seit Jahren und gehört zum Beispiel zu den beliebtesten Podcast-Kategorien in Deutschland. Dabei haben sich Menschen auch schon früher – bevor es Podcasts gab – sehr für echte Verbrechen interessiert. Ob es nun die Faszination für Hinrichtungen vor mehreren Jahrhunderten waren, die vielgelesenen Biografien von Mörderinnen und Mördern in Zeitungen oder Bestseller-Romane über echte Mordfälle.
Echte Kriminalfälle und die Psychologie
Aber warum ist das so? Lydia Benecke ist Kriminalpsychologin und arbeitet mit Straftätern. Sie schreibt auch Bücher über Verbrechen und hat dadurch viel Kontakt mit Menschen, die True Crime konsumieren. Und die sagen häufig, dass sie mehr über die Eigenschaften von Straftäterinnen und Straftätern erfahren wollen: "Menschen wollen wissen, was unterscheidet mich als Mensch, der sagt, ich kann mir gar nicht vorstellen, ein schweres Verbrechen zu begehen, von der Person, die ein schweres Verbrechen begangen hat."
"Menschen sagen mir ganz oft, dass sie wissen möchten, welche Eigenschaften haben diese Menschen, die schwere Straftaten begehen?"
Ein weiterer Faktor, der im Genre True Crime eine Rolle spielt: Menschen, die sich damit auseinandersetzen, tun das in einem sicheren Setting, sagt Lydia Benecke. Zwar können negative Emotionen aufkommen, wenn jemand einen Podcast hört oder eine Dokumentation anschaut, dennoch empfinden diese Menschen das eher als angenehm. Denn es handele sich um eine kontrollierte und bewusste Art der Auseinandersetzung mit Verbrechen, so die Kriminalpsychologin.
Frauen beschäftigen sich mehr mit Opferrolle
Dass vor allem Frauen True Crime konsumieren, liegt laut der Kriminalpsychologin daran, dass sie sich – mehr als Männer – mit der Möglichkeit auseinandersetzen, selbst Opfer von Straftaten zu werden. Frauen würden so aber auch versuchen, Unsicherheiten abzubauen und zu hinterfragen, wie sie sich besser schützen können.
Allerdings sagt die Kriminalpsychologin auch, dass Fälle wie die, die wir bei True Crime hören, oft nicht so viel damit zu tun haben, wo im Alltag tatsächlich Gefahren auf uns lauern. Viele Menschen finden beispielsweise Berichte über Serienmord interessant. Die Wahrscheinlichkeit, Opfer eines Serienmörders zu werden, sei allerdings sehr gering, so Lydia Benecke. Der Blick ins engere Umfeld sei wichtiger.
Gesellschaftlicher Mehrwert von True Crime
"Menschen haben stärkere Ängste vor diesen unbekannten Personen und viel weniger vor denen in ihrem Umfeld", sagt Lydia Benecke. Und das sei ein Teil des Problems. "Ich arbeite mit Menschen, die schwere Gewalt- und Sexualdelikte begangen haben. In den meisten Fällen haben die nahen Angehörigen dieser Menschen nicht für möglich gehalten, dass sie zu solchen Verbrechen in der Lage wären", so die Kriminalpsychologin
Sich mit Straftätern beschäftigen, um Straftaten zu verhindern
Lydia Benecke ist der Meinung, dass True Crime durchaus einen gesellschaftlichen Mehrwert haben kann, wenn wir uns beispielsweise fragen: Welche Faktoren spielen im Lebensweg von Menschen eine Rolle, die später Straftaten begehen? Das könne dazu beitragen, Straftaten zu verhindern.
"Wie können wir als Gesellschaft diese Faktoren angehen, damit weniger Menschen Straftaten begehen?"
Wichtig sei es auch, Präventionsprogramme aufzubauen, damit weniger Menschen überhaupt an den Punkt kommen, an dem sie Straftaten begehen. "Ich glaube, das können wir nur erreichen, wenn wir das Interesse an True Crime nutzen. Und das ist meiner Meinung nach eine ethisch vernünftige Art, mit True Crime als Genre umzugehen", sagt die Kriminalpsychologin.
Hinweis: Unser Titelbild zeigt Evan Peters in der Rolle des Jeffrey Dahmer in der Netflix-Serie "Dahmer - Monster: Die Geschichte von Jeffrey Dahmer"
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