Über drei Jahrzehnte nach der Atomkatastrophe in Tschernobyl ist das Gebiet weiter stark radioaktiv belastet. Ein ukrainisch-deutsches Team hat die Sperrzone zum ersten Mal seit der Atomkatastrophe flächendeckend radiologisch kartiert.

Ungefähr 100 Kilometer breit und 50 Kilometer hoch ist die Sperrzone um das stillgelegte Atomkraftwerk in Tschernobyl. Und auch 36 Jahre nach der Reaktorkatastrophe vom 26. April 1986 in Tschernobyl ist das Gebiet um das AKW durch radioaktive Strahlung belastet – an vielen Stellen so stark, dass es für Menschen ungesund ist.

Das ist das Ergebnis von Radioaktivitätsmessungen, die ukrainische Expert*innen zusammen mit dem deutschen Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) im September 2021 – also vor dem russischen Angriffskrieg – auf der ukrainischen Seite der Sperrzone gemessen haben.

Ihre Ergebnisse haben sie in zwei Radioaktivitätskarten festgehalten und jetzt veröffentlicht. Das gesamte belastete Gebiet dehnt sich noch weiter nördlich bis nach Belarus aus.

"In der Sperrzone gibt es größtenteils immer eine höhere radioaktive Belastung, als für Menschen gesund ist."
Katrin Sielker, Deutschlandfunk-Nova-Nachrichten

Radioaktive Stoffe in der Sperrzone

Die Radioaktivität haben vier Teams am Boden und zwei Teams in Hubschraubern vor Ort gemessen. Die Radioaktivitätskarten bilden Belastung der Böden mit Cäsium-137 der Böden und auch die Gamma-Ortsdosisleistung. Letztere zeigt an, wie viel Strahlung an einem bestimmten Ort von außen auf den Menschen einwirkt.

In der Sperrzone zeigte sich, dass für eine erhöhte Ortsdosisleistung vor allem Cäsium-137 verantwortlich ist, so das BfS. Der radioaktive Stoff entsteht als Spaltprodukt bei der Kernspaltung von Uran und hat eine hohe Wasserlöslichkeit.

Das bedeutet: Die Cäsium-137-Ionen verteilen sich gut im Körper, vor allem im Muskelgewebe. In zu hohen Dosen wirkt der radioaktive Stoff wie ein Gift, erklärt Katrin Sielker aus den Deutschlandfunk-Nova-Nachrichten. Es kann Durchfall, Erbrechen und Blutungen auslösen und auch zu Krebserkrankungen führen.

Gefährlich hohe Werte

Die Gamma-Ortsdosisleistung lag in der Sperrzone zwischen 0,06 Mikrosievert und 100 Mikrosievert pro Stunde. Zum Vergleich: In Deutschland hat die natürliche Ortsdosisleistung ungefähr einen Wert von 0,06 Mikrosievert und 0,2 Mikrosievert pro Stunde. Diese Höhe der Dosis ist ungiftig. Der Wert von 100 Mikrosievert pro Stunde, den die Expert*innen besonders im Norden und Westen der Sperrzone gemessen haben, ist allerdings gefährlich.

Jahresdosis an Radioaktivität nach acht Tagen

Laut dem Bundesamt für Strahlenschutz würden Menschen, die sich acht Tage in diesen Bereichen der Sperrzone aufhalten, die in Deutschland erlaubte Dosis an Radioaktivität für ein ganzes Jahr erreicht haben.

Demnach sind Radioaktivitätsmessungen in der Sperrzone um Tschernobyl weiterhin wichtig, so die Expert*innen. Besonders relevant sind sie für die Arbeiterinnen und Arbeiter, die das stillgelegte AKW warten, für Wissenschaftler*innen wie das Messteam, für die örtliche Feuerwehr, die sich um Waldbrände in der Sperrzone kümmert und auch für Tourist*innen, die sich die Atomruine anschauen.

Seit dem russischen Angriffskrieg steht auch die Sicherheit der Atomruine immer wieder infrage. Nachdem das russische Militär das stillgelegte AKW besetzt hatte, und die ukrainische Atomaufsicht den direkten Kontakt zum stillgelegten Kraftwerk zwischenzeitlich verloren hat, möchte sich die Internationale Atomenergie-Behörde (IAEA) in den nächsten Tag selbst ein Bild vor Ort machen.

  • Moderatorin:  Tina Howard
  • Gesprächspartnerin:  Kathrin Sielker, Deutschlandfunk Nova