Deckel drauf und dann ist gut? So einfach ist die Sache leider nicht in Tschernobyl. Trotzdem bekommt der Reaktor jetzt eine neue Schutzhülle, die die nächsten einhundert Jahre halten soll. Die eigentliche Arbeit geht jetzt aber erst los.

Der Reaktor in Tschernorbyl bekommt einen neuen Sarkophag. Wenige Monate nach der Katastrophe von Tschernobyl wurde der kaputte Reaktor in einer Hülle aus Beton und Stahl verpackt. Verpackt klingt sicher. Tatsächlich war der Sargophag aber nie absolut sicher. Es konnte Luft ein- und ausdringen, es regnete rein. Jetzt entsteht ein neuer Sarkophag, eine Art Stahlzelt, unter das auch locker die Kathedrale Notre Dame passen würde. Und dieses Zelt wird ab heute (3. November) über den alten Mantel samt Reaktor gezogen. Das Ganze soll Ende des Monats fertig sein.

Gigantische Öltonne

Auf den ersten Blick sieht die Konstruktion aus, als hätte jemand eine gigantische silbern gestrichene Öltonne halbiert, erklärt die Wissenschaftsjournalistin Dagmar Röhrlich, die schon mehrfach vor Ort war. Ein riesiges Gewölbe, das doppelt so hoch ist, wie die umliegenden Bäume. Und in dieser äußeren Tonne ist eine zweite Tonne untergebracht. Es gibt also zwei Hüllen. Diese Hüllen sind mit allen möglichen Verkleidungen versehen, damit nichts nach außen dringen kann. Zwischen den beiden Hüllen herrscht Unterdruck und alles wird ständig klimatisiert, damit das Stahlgewölbe nicht rosten kann. All das soll dazu beitragen, dass die ganze Konstruktion die nächsten hundert Jahre hält.

Dazu müsst ihr wissen: Die alte Schutzhülle ist unter grauenhaften Umständen gebaut worden, erzählt Dagmar Röhrlich. Direkt nach dem Unfall hat es noch gebrannt und die Strahlung war extrem hoch. Die Leute könnten also nur ein paar Sekunden vor Ort arbeiten. Die Arbeiter trugen Lederanzüge und die Kräne waren mit Blei verkleidet. Das Ziel war also klar: So schnell wie möglich irgendetwas über den rauchenden Trümmern errichten. Unter diesen Umständen ist es fast schon ein Wunder, dass die erste Hülle so lange gehalten hat.

"Dafür, dass die erste Hülle unter Lebensgefahr gebaut wurde, hat das Ganze sehr gut gehalten."
Dagmar Röhrlich, Wissenschaftsjournalistin

Die neue Schutzhülle musste erst einmal geplant werden. Und während der kommenden hundert Jahre soll im Inneren zurückgebaut werden. An der Decke der Hülle wurden deshalb zwei Schwerlastkräne angebracht. Und im Inneren sollen alle Arbeiten ferngesteuert ablaufen. Es musste also zahlreiche Computer installiert werden. Arbeiter sitzen nur in einer besonders geschützten Hülle im Inneren. All das hat zum großen Teil die internationale Staatengemeinschaft finanziert, weil das die bettelarme Ukraine nie hätte stemmen können.

Trotz aller Planung gibt es einige Probleme, die noch nicht gelöst wurden. Da ist zum Beispiel der verkantete Reaktordeckel im Inneren, von dem niemand weiß, wie er entfernt werden soll. Schon daher kann heute noch niemand sagen, wie die Arbeiten in den kommenden hundert Jahren ablaufen.