Seit dem Putschversuch vor einem Jahr hat sich das Leben in der Türkei für viele Menschen verändert. Mehr als 100.000 Staatsbedienstete haben ihren Job verloren, über 50.000 Verdächtige wurden verhaftet. Wie ist die Lage nach einem Jahr?

Ein Jahr nach dem vereitelten Putsch ruft die türkische Regierung zu großen Feiern auf. Luise Samman, Deutschlandfunk-Nova-Korrespondentin in Istanbul, ist die Lust zum Feiern in den vergangenen zwölf Monaten aber vergangen. 

"Ich bin wirklich erschüttert über den Zustand meines Gastlandes. Vor allem über die Verhaftungen und die Rechtelosigkeit derer, die hier von jetzt auf gleich festgenommen werden."
Luise Samman, Deutschlandfunk Nova

Journalisten wie Deniz Yücel und viele andere Kollegen verschwinden in Zellen, und es gibt monatelang keinen Prozess. Das macht auch Luise Samman Angst. Sie sagt, viele Türken um sie herum würden einfach keine Nachrichten mehr gucken. Auf den Straßen gehe das Leben schließlich normal weiter.

"Was man nicht ausblenden kann, sind die Veränderungen in der Gesellschaft: Die Grundsympathie und das Grundvertrauen der Menschen untereinander sind weg."
Luise Samman, Deutschlandfunk Nova

Luise Samman ist seit acht Jahren in der Türkei und war immer begeistert von der Freundlichkeit der Menschen – fern von Reiseführer-Klischees. Immer hat sie sich willkommen gefühlt – unabhängig von Religion oder politischen Anschauungen.

Jetzt nimmt die Journalistin großes gegenseitiges Misstrauen untereinander wahr. Es herrsche eine Spannung im Alltag, die sich nicht mehr ignorieren ließe. 

"Ich habe Probleme, Leute vors Mikro zu kriegen. Die einen wollen nichts Falsches sagen und die anderen denken, jeder ausländische Journalist will ihrem Land schaden."
Luise Samman, Deutschlandfunk Nova

Bis vor einem Jahr haben die Türkinnen und Türken sehr gerne mit der Presse geredet. Jetzt werde Luise Samman als Journalistin oft angepöbelt, das habe es früher nicht gegeben.  

Einseitigkeit in den deutschen Medien

In den deutschen Medien ist die Seite derer, die gegen Erdogan sind, mehr vertreten, sagt Samman. Sie sieht in der Türkei dagegen viele Unterstützer Erdogans. Die begehen den Jahrestag jetzt als ein Fest der Demokratie. 

"Für die vielen Erdogan-Anhänger sind die anderen die Feinde der Demokratie. Wir vergessen, dass viele hier so denken, weil wir es in Deutschland anders herum sehen. Es ist einfach eine wahnsinnig gespaltene Gesellschaft."
Luise Samman, Deutschlandfunk Nova