Wie gibt man die Welterfahrung einer anderen Kultur in der eigenen Sprache wieder? In ihrem Vortrag erklärt Übersetzerin Karin Betz, wie sie und ihre Kollegen dieser Herausforderung in ihrer Arbeit begegnen.

Jiang heißt Fluss und Hu ist der See. Zusammen werden sie zu Jiang Hu, einem Ort außerhalb von Raum und Zeit. Es ist ein uralter Begriff der chinesischen Sprache, der dort noch heute in den Kampfkunstromanen der Gegenwart eine wichtige Rolle spielt. Doch wie lässt er sich korrekt übersetzen?

Die Herausforderung, die Welterfahrung einer anderen Kultur in der eigenen Sprache wiederzugeben, wird umso größer, je stärker sich zwei Kulturen unterscheiden und je weiter Ausgangs-und Zielsprache voneinander entfernt sind. Inhalt und Form müssen irgendwie übertragen werden, ohne kulturelle Klischees zu bedienen.

"Diese Kulturklischees schließen leider auch Tendenzen zur unnötigen Exotisierung der chinesischen Literatur durch Übersetzung ein, die jedes Gedicht zu einem Orakel verklären will."
Karin Betz, Übersetzerin

Chinesische Literatur ins Deutsche zu übersetzen, ist deshalb besonders schwierig, erklärt Übersetzerin Karin Betz in ihrem Vortrag. In ihrer Arbeit beschäftigt sie sich mit chinesischer Gegenwartsliteratur.

Im Wintersemester 2021/2022 wurde sie zur August-Wilhelm-von-Schlegel Gastprofessorin für Poetik der Übersetzung ernannt. Diese Professur wird jedes Jahr vom Deutschen Übersetzerfonds und dem Peter-Szondi-Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Freien Universität Berlin vergeben.

Auf den Kontext achten

In ihrer Antrittsvorlesung erzählt Karin Betz, wie sie sich auf unterschiedlichen Wegen einer Übersetzung von Jiang Hu annähert. Sie geht den Wurzeln dieses Begriffs nach und erklärt, warum je nach Kontext ganz unterschiedliche Übersetzungslösungen nötig sind.

"Jiang Hu ist ein fatal chinesischer Begriff. Ist er deshalb unübersetzbar?"
Karin Betz, Übersetzerin

Von welchen Prinzipien sollte sich eine gute Übersetzung leiten lassen? In der chinesischen Übersetzungstradition gibt es vor allem drei: Treue zum Original (Xin), Ausdrucksstärke (Da) und Eleganz (Ya). Karin Betz hat ihrem Vortrag deshalb den Titel gegeben: "Wo bitte geht's nach Xin Da Ya? Irrfahrten auf dem Weg zur interkulturellen Übersetzung."

Karin Betz arbeitet seit 2009 hauptberuflich als Übersetzerin für chinesische Literatur, teilweise auch für englische und spanische. Im Wintersemester 2021/2022 wurde sie zur August-Wilhelm-von-Schlegel-Gastprofessorin für Poetik der Übersetzung ernannt. Sie hat ihre Antrittsvorlesung am 1. November 2021 am Institut Francais in Berlin gehalten.

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