Über vier Millionen Menschen aus der Ukraine sind aktuell auf der Flucht. Für einige ist das besonders schwer: Menschen aus der LGBTQ+-Community werden diskriminiert und ausgegrenzt – nicht nur auf der Flucht, sondern auch in der Ukraine selbst. Journalistin Luisa Houben hat trans Frau Zi Faámelu getroffen, die aus Kiew geflüchtet ist.

"Im Überlebensmodus" – auch ohne den Krieg

Zi Faámelu hatte nicht nur Angst vor dem russischen Angriff. Schon vorher, in der Ukraine, sei sie "als trans Person und Künstlerin ständig im Überlebensmodus" gewesen und hatte Angst vor transphoben Menschen und Übergriffen.

"Als trans Frauen haben wir in der Ukraine keine Rechte, die uns unterstützen und beschützen. Wir werden behandelt, als seien wir ein Witz, als hätten wir uns das ausgedacht. Wir werden Transvestiten genannt wie jemand, der verkleiden spielt – als Witz. Transphobie hat tiefe Wurzeln."
Zi Faámelu

Seit 1991 ist Homosexualität in der Ukraine legal. Während unter anderem die verhältnismäßig liberale Hauptstadt Kiew eine Art Schutzraum für Menschen aus der LGBTQ+-Community ist, sehen sie sich aber vor allem auf dem Land nach wie vor auch noch Anfeindungen ausgesetzt.

Und jetzt der Krieg: Die russische Aggression wirft den Kampf der LGBTQ+-Community in der Ukraine zurück. In den von Russland besetzten Gebieten gelten dieselben homophoben Gesetze wie in Russland.

Mit "m" im Pass keine legale Ausreise

Zi Faámelu hatte also allen Grund, die Ukraine verlassen zu wollen. Das größte Hindernis war aber das, was in ihrem Pass steht: Dort ist nämlich das männliche Geschlecht eingetragen. Sie durfte deswegen nicht legal ausreisen. Denn alle Männer zwischen 18 und 60 müssen bleiben, um die Ukraine zu verteidigen.

"In Zi Faámelus Pass ist das männliche Geschlecht eingetragen. Sie durfte deswegen nicht legal ausreisen."
Luisa Houben, Journalistin

Zi Faámelus Geschichte ist filmreif: Sie durchschwamm einen Grenzfluss nach Rumänien, kam dort in ein Flüchtlingslager und über Leipzig einige Tage später nach Magdeburg.

Eine vulnerable Gruppe

Laut UN-Flüchtlingskommission erleben Menschen aus der LGBTQ+-Community bei der Flucht häufiger Stigmatisierungen und geschlechterspezifische Gewalt. Außerdem erfahren sie weniger Schutz durch die Sicherheitskräfte.

"Zurückblickend wünschte ich, dass ich mehr Optionen gehabt hätte. Ich wurde auf meiner Flucht diskriminiert und verspottet. Und ich hätte einfach jemanden gebraucht, der mich beschützt."
Zi Faámelu

Zi Faámelu wurde von den ukrainischen Beamten zum Beispiel respektlos „er“ genannt, berichtet Luisa Houben. Auch die Gesundheitsversorgung sei ein Problem, wenn etwa für trans Menschen keine Hormone verfügbar sind.

Deutschland bemüht sich zwar, trans Frauen und anderen queeren Menschen zu helfen – bisher aber ohne konkreten Erfolg.

Politische Initiativen bisher ohne Wirkung

Sven Lehmann, der Queer-Beauftragte der Bundesregierung, hat sich im März geäußert und an die Ukraine appelliert, besonders gefährdete Menschen ausreisen zu lassen. Natürlich habe die Ukraine das Recht auf Selbstverteidigung. Doch schwule, bisexuelle Männer und trans Menschen hätten auch das Recht auf Schutz ihres Lebens. Deswegen sollten sie ausreisen können – wenn sie das möchten, findet Sven Lehmann.

Eine Antwort auf den Appell gibt es bisher nicht, sagt Luisa Houben. Nicht alle Menschen aus der LGBTQ+-Community wollten übrigens die Ukraine verlassen. Es gebe zum Beispiel auch schwule Männer, die bleiben wollen, um ihr Land zu verteidigen.

Unterstützung für queere Flüchtende

Freiwillige und NGOs unterstützen queere Menschen auf der Flucht, in Deutschland zum Beispiel das Bündnis Queere Nothilfe Ukraine. Sie sammeln Spenden und vermitteln speziell LGBTQ+-freundliche Unterkünfte.

Außerdem gibt es Facebook-Gruppen, wo queere Personen, die noch in der Ukraine sind, Unterstützung finden, sagt Luisa Houben. Die Menschen bekommen dort vor allem emotionalen Support, etwa von der Deutschen Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität. Eine Ehrenamtlerin steht dort mit mehreren trans Frauen in Kontakt, hat sie der Journalistin erzählt.