Am 24. August feiert die Ukraine seit 1991 ihre Unabhängigkeit von der Sowjetunion. In diesem Jahr ist es an diesem Tag auch genau sechs Monate her, dass russischen Truppen ihr Nachbarland angegriffen haben. Gesine Dornblüth, beobachtet für uns die Entwicklungen rund um den Krieg.

Gesine Dornblüth sagt, dass es durchaus Feiern in der Ukraine gebe, allerdings seien Massenveranstaltungen zum Unabhängigkeitstag abgesagt worden. "In Kiew wurden die abgesagt, weil es Warnungen gab vor Angriffen aus Russland", sagt die Russland-und Osteuropa-Expertin.

"So etwas wie im vergangenen Jahr wird es nicht geben. Das war ein riesiges Volksfest mit Konzerten."
Gesine Dornblüth, Journalistin mit Schwerpunkt auf Russland und Osteuropa

Am Morgen hatte es fast in der gesamten Ukraine Luftalarm gegeben. "Man muss aber leider sagen, dass es an vielen Tagen zur Routine gehört, ebenso wie natürlich auch der Beschuss in mehreren Gebieten, der gar nicht immer in unsere Meldungen kommen, heute Morgen im Gebiet Sumy im Nordosten der Ukraine oder auch in der Stadt Charkiw", sagt Gesine Dornblüth.

Die Kampfbereitschaft der Ukrainer*innen für ihr Land sei nach wie vor sehr hoch, berichtet Gesine Dornblüth: "Vor allen Dingen gibt es diese Freiwilligenverbände der Territorialverteidigung. Da sind auch viele Frauen dabei."

Umfragen sagen, dass etwa 80 Prozent der Ukrainer*innen – oder sogar mehr – dagegen sind, Gebiete an Russland abzutreten. "Das heißt automatisch, dass sie das Gebiet verteidigen müssen", so die Journalistin. Es gebe allerdings auch eine große Mobilmachung in der Ukraine. Männer im wehrpflichtigen Alter etwa dürfen – mit wenigen Ausnahmen – das Land nicht verlassen.

Versorgungsengpässe und hohe Arbeitslosigkeit

Die Lage der Menschen in der Ukraine ist sehr unterschiedlich, sagt die Russland-und-Osteuropa-Expertin. Menschen in der Donbass-Region seien von Hilfslieferungen abhängig. Teils gibt es kein Wasser und keinen Strom.

Auf der anderen Seite gebe es Gebiete, die nicht direkt vom Krieg betroffen sind. "Das sind Orte wie Lwiw oder Kiew. Da herrscht so etwas wie Normalität, so gut das eben möglich ist. Aber auch dort merken die Menschen natürlich, dass die Inflation steigt", so Gesine Dornblüth. Auch die Arbeitslosigkeit in der Ukraine ist stark gestiegen. Laut Angaben der Nationalbank liegt sie derzeit bei 35 Prozent – vor dem Krieg waren neun Prozent der Ukrainer*innen arbeitslos.

"Ich würde sagen, die Verhandlungsbereitschaft ist zurzeit nicht vorhanden."
Gesine Dornblüth, Journalistin mit Schwerpunkt auf Russland und Osteuropa

Der ukrainische Präsident Wolodomir Selenskyj habe noch einmal klargemacht, dass es derzeit keinen Raum für Verhandlungen gebe. "Die Ukraine hat im Frühjahr Zugeständnisse gemacht. Verzicht auf Nato-Mitgliedschaft, Neutralität des Landes, Rückzug der russischen Truppen auf den Stand vom 23.02.2022 – das ist von Russland komplett ignoriert worden. Stattdessen kamen die Kriegsverbrechen in Butscha und anderswo", sagt sie.

Hinzu komme, dass viele Menschen in der Ukraine mittlerweile ganz zuversichtlich seien, dass man mit internationaler Hilfe das ganze Gebiet der Ukraine wieder befreien könne, inklusive der Krim.