Vor einem Jahr begann der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine. Ein Ende ist nicht absehbar. Die ukrainische Journalistin Anna Kosjuchenko beschreibt, wie sich ihr Leben verändert und warum sie trotz des Kriegs Hoffnung hat.

Am Morgen des 24. Februars 2022 erfährt die ukrainische Journalistin Anna Kosjuchenko, dass die russische Regierung einen Angriffskrieg in der Ukraine begonnen hat. Seitdem hat sich Anna Kosjuchenkos Leben verändert. Seit Kriegsbeginn habe sie "kein normales Leben mehr". Zum ersten Jahrestag des Kriegsbeginns erklärt die Ukrainerin, dass sie trotz vieler Toter und Zerstörung Hoffnung hat.

"In dem Kriegsjahr haben wir gelernt, kleine Dinge zu schätzen – zum Beispiel, dass ich heute Morgen Strom habe und mit dir sprechen kann."
Anna Kosjuchenko, ukrainische Journalistin in Kiew

Kriegsalltag in der Ukraine

Sie habe einige Zeit gebraucht, um zu realisieren, dass ihr Leben nie mehr so sein wird wie vor Kriegsbeginn. Es sei unmöglich, die Wunden, die jede*r Ukrainer*in im Herzen trage, zu heilen. "Die Wunden sind zu tief – und sie bluten noch", sagt Anna Kosjuchenko. Der Alltag in der Ukraine sei ein Albtraum - geprägt von Sirenenalarm und Beschüssen. Oft falle die Heizung aus oder es gibt kein warmes Wasser und elektronisches Licht.

Hoffnung für die Zeit nach dem Krieg schöpft die Ukrainerin aus der Solidarität und Hilfsbereitschaft in der Gesellschaft. Die Freiwilligenbewegung von Ukrainern und Ukrainerinnen, egal, ob sie innerhalb oder außerhalb des Landes leben, beschreibt sie als "enorm".

"Wir alle hoffen, dass wir diesen Krieg gewinnen und unsere Territorien befreien. Wir hoffen auch, dass die Täter bestraft werden."
Anna Kosjuchenko, ukrainische Journalistin in Kiew

Unterstützung und Hilfsbereitschaft

Ihre größte Angst sei, dass Menschen die ukrainischen Städte Irpin, Butscha oder Mariupol vergessen könnten. "Es geht um Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Solche Sachen darf man nie vergessen", sagt Anna Kosjuchenko.

Jede*r Ukrainer*in hoffe, dass sich die europäische Unterstützung und die Hilfsbereitschaft der demokratischen Welt fortsetzt. "Natürlich träumen wir davon, dass wir eines Tages in Sicherheit leben und ohne die Angst, jede Minute sterben zu können", sagt die Ukrainerin.

Wie sich diese tägliche Angst auswirkt, beschreibt sie so: "Ich kenne ganz viele Ukrainerinnen, die seit einem Jahr zusammen mit ihren Kindern im Bett schlafen. Sie haben Angst, dass sie von einer Rakete getroffen werden und sterben. Der Wunsch ist deswegen, dass in so einem Fall wenigsten alle zusammen sterben."

Shownotes
Ukrainische Journalistin
"Wir träumen davon, dass wir eines Tages in Sicherheit leben"
vom 24. Februar 2023
Moderation: 
Till Haase
Gesprächspartnerin: 
Anna Kosjuchenko, ukrainische Journalistin in Kiew