Viele Ukrainerinnen und Ukrainer sind wegen des Angriffskrieges Richtung Westen geflohen. Jetzt kehren immer mehr wieder in ihre Heimat zurück. In Kiew haben Cafés und Restaurants wieder geöffnet und die Menschen versuchen in ihren Alltag zurückzufinden. Sie wollen das Leben spüren, erzählt die Ukrainerin Anna Kosjuchenko.

Rund zwei Monate nach Beginn des russischen Angriffskrieges in der Ukraine kehren Tausende Ukrainer*innen wieder in die Hauptstadt zurück. Als die russische Offensive begann, kam es in Kiew zu kilometerlangen Staus in Richtung Westen. Die Menschen flohen, um sich in Sicherheit zu bringen.

Auch die Journalistin Anna Kosjuchenko war geflüchtet. Kiew ist die Heimatstadt der 37-jährigen Ukrainerin. Sie ist dort geboren, hat bis zum Angriffskrieg in der ukrainischen Hauptstadt gelebt und für einen Fernsehsender gearbeitet.

Bis Ende April hat sie sich Anna in Lwiw, nahe der Grenze zu Polen, in Sicherheit gebracht. Jetzt ist sie wieder in ihre Heimatstadt zurückgekehrt.

Im Gespräch mit Deutschlandfunk-Nova-Moderatorin Rahel Klein erzählt Anna, wie sicher sie sich gerade in Kiew fühlt und wie der Alltag in der ukrainischen Hauptstadt für sie aussieht.

"Die Leute wollen das Leben spüren"

Journalistin Anna Kostjuchenko aus Kiew.
© privat
Journalistin Anna Kosjuchenko, 37, aus Kiew.

Rahel Klein: Anna, du bist seit Ende April wieder in der Hauptstadt. Vor dem Krieg hast du beim Fernsehen gearbeitet. Was machst du jetzt in Kiew?

Anna Kosjuchenko: Ich bin sehr froh, zu Hause zu sein. Ich bin nach Kiew zurückgekommen, weil ich hier jetzt auch beruflich mehr zu tun habe. Und auch, weil ich meine Heimatstadt sehr vermisst habe. Ich freue mich sehr darüber.

Rahel Klein: Wie sicher fühlst du dich in Kiew?

Anna Kosjuchenko: Leider nicht so sicher. Eine russische Rakete hat am Tag meiner Rückkehr einen Bezirk in der Nähe des Zentrums von Kiew getroffen. Eine Frau, eine Journalistin, ist dabei gestorben. Aber wir wissen auch, dass die russischen Raketen Lwiw treffen können. In der Ukraine ist kein Ort sicher.

Rahel Klein: Schützt du dich besonders? Gehst du nachts in die U-Bahn oder in Luftschutzräume? Oder wie machst du es?

Anna Kosjuchenko: Letzte Nacht gab es – Gott sei Dank – keinen Luftalarm. Normalerweise ist es sicherer, sich im Keller zu schützen. Ich habe einen neben meinem Haus gefunden. Wenn der Luftalarm noch einmal kommt, werde ich dorthin gehen.

Rahel Klein: Warum war das so wichtig für dich, wieder nach Kiew zurückzukehren?

Anna Kosjuchenko: Ich habe meine Heimatstadt sehr vermisst. Ich habe meine Wohnung vermisst. Und ich habe hier beruflich zu tun. Für mich ist es auch sehr wichtig, mehr Wahrheiten, mehr Informationen über die Ukraine zu erzählen.

Rahel Klein: Wie viel Alltag ist denn grundsätzlich für die Menschen, die in Kiew sind, gerade möglich?

Anna Kosjuchenko: Ich würde sagen, es ist normal. Man kann Lebensmittel kaufen, man kann nach draußen oder spazieren gehen. Wir haben diese Sperrstunde, die ist aber nachts. Während des Tages kann man sich bewegen und alles machen.

Rahel Klein: Haben Geschäfte und Restaurants auch wieder geöffnet und gehen Menschen dorthin? Oder wie ist die Situation?

Anna Kosjuchenko: Ja, die Menschen gehen in Restaurants und Cafés. Es sind nicht alle geöffnet – von den Cafés ungefähr die Hälfte – aber die Leute wollen das Leben spüren, verstehen Sie?

Wenn sie möchten, gehen sie ins Café, um mit anderen zu sprechen, einander zu treffen und einen Kaffee zu trinken. So unterstützen wir auch diese Cafés. Wir denken, dass wenn wir für diesen Kaffee bezahlen, dieser Gastgeber auch was kaufen kann.

Rahel Klein: Es sind viele Menschen wieder nach Kiew zurückgekommen, obwohl beispielsweise Bürgermeister Vitali Klitschko davor warnt, dass es noch zu früh sei. Habt ihr keine Angst vor größeren russischen Angriffen in nächster Zeit?

Anna Kosjuchenko: Wir haben Angst, würde ich sagen. Leider haben wir das Verhalten der russischen Soldaten in Butscha und Irpin gesehen. Natürlich haben wir Angst. Wir verstehen unseren Feind auch besser, was für ein Tier er ist.

Es ist aber unsere Heimatstadt und wenn wir hier arbeiten und unsere Wirtschaft unterstützen können, dann – glaube ich – sollten wir es tun. Zwei Drittel der Menschen aus Kiew sind zurückgekommen.

Rahel Klein: Es kommen auch gerade sehr viele Staats- und Regierungsvertreter*innen nach Kiew und sprechen mit Präsident Wolodymyr Selenskyj. Ist das ein Thema bei den Menschen in Kiew oder wird das nur bei uns sozusagen viel wahrgenommen?

Anna Kosjuchenko: Nein, das ist natürlich ein wichtiges Thema. Wir schätzen es, dass diese ausländischen Amtsinhaber zu uns kommen, damit sie selbst die Lage vor Ort sehen können. Es ist sehr wichtig für uns, dass sie kommen und auch in Bezirke wie Butscha und Irpin gehen.

Unser Aufmacherbild ist ein Symbolbild und zeigte eine Frau in den zerstörten Straßen von Kiew Ende April.