Knapp vier Monate, in denen durch Corona alles anders wurde, liegen hinter uns. Und jetzt? Wie geht es weiter? Über dieses Gefühl der Unsicherheit sprechen wir mit der Philosophin Natalie Knapp.

Natalie Knapp ist Philosophin und hat das Buch geschrieben: "Der unendliche Augenblick. Warum Zeiten der Unsicherheit so wertvoll sind." Wir haben mit ihr über das Gefühl der Unsicherheit gesprochen, das in vielen Bereichen durch die Corona-Pandemie entstanden ist: Urlaube und Reise sind nicht mehr sicher zu planen und auch andere Freizeitoptionen finden vielleicht, aber nicht sicher statt. Noch bedrohlicher sind Veränderungen im Job. Kurzarbeit oder sogar der Verlust der Arbeit.

Hier und jetzt statt danach

Die Philosophin sagt, es sei jetzt wichtig, sich darüber im Klaren zu sein, dass die Corona-Pandemie noch nicht vorbei ist. "Und wir wissen noch nicht, wie es anschließend aussieht". Darum sei es viel wichtiger, über das Hier und Jetzt nachzudenken - und die nötigen Abstandsregeln einzuhalten. Weil wir über das Danach einfach noch nichts sagen können.

"Wenn wir alle jetzt das tun, was nötig ist, um diese zweite Welle zu verhindern, dann wird das Danach für alle sehr viel leichter."
Natalie Knapp, Philosophin

Natalie Knapp erklärt, dass Angst und Unsicherheit zwei völlig unterschiedliche Gefühlslagen sind und es wichtig sei, sie - vor allem in der derzeitigen Krise - voneinander zu trennen: Angst ist an den Instinkt gekoppelt. Sie war ursprünglich wichtig für unser Überleben. Ein Beispiel: Unsere Vorfahren treffen in der Steppe auf ein gefährliches Tier. In so einer Situation muss sehr schnell gehandelt werden. Natalie Knapp erklärt, dass in solchen Gefahrensituationen der Instinkt übernimmt und uns kaum Handlungsspielraum lässt: Wir können dann angreifen, weglaufen oder uns tot stellen."

Unsicherheit vs. Angst

Die Unsicherheit aber stelle sich dann ein, wenn wir uns nicht auskennen und habe eine völlig anderen Funktion. Unsicherheit komme auf, wenn wir gerade nicht wissen, wie es geht, weil im Leben etwas Neues passiert. Sobald wir Unsicherheit verspüren sei uns emotional bereits klar, dass wir hier mit Routine nicht mehr weiterkommen. Der Weg durch diese neue Situation sei noch unbeschrieben und entstehe mit jedem Schritt, den wir nun machen, so die Philosophin.

"Das bedeutet eben nicht, dass etwas Schlimmes passiert, sondern dass etwas Neues passiert. Und der Weg, der uns dadurch führt, den gibt es noch gar nicht."
Natalie Knapp, Philosophin

Während in einer Angstsituation der Kopf ausgeschaltet wird, sei in einer Situation der Ungewissheit der Verstand gefragt, um weiterzukommen. Was gleich ist: In beiden Situationen empfinden wir Stress. Und das sei hilfreich, denn Stress setzt Adrenalin frei und lässt uns wacher und aufmerksamer sein.

"Dazu brauchen wir unseren Verstand, weil es eben keinen Instinkt gibt, um neue Wege zu bahnen."
Natalie Knapp, Philosophin

Natalie Knapp ist überzeugt: "Die Unsicherheit ist eigentlich das Beste an der Zukunft, weil sie uns den Gestaltungsraum offenhält." Sie sei die Voraussetzung für jeden kreativen Akt. Sie sei existenziell notwendig. In Bezug auf die aktuelle Corona-Pandemie müssten wir als Gesellschaft uns klar machen, dass wir nur dann Neues entdecken können, wenn wir auch in der Lage sind, Unsicherheit auszuhalten. "Weil wir aufgrund der anhaltenden Krisen, in den nächsten Jahren einfach sehr viel Neues entdecken müssen," so Natalie Knapp.