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Berlin ist Ende des 19. Jahrhunderts Boomtown. Mehr Menschen brauchen auch mehr zu essen: 1875 existieren rund 800 Hausschlachtereien in Berlin – in Wohnungen oder Hinterhöfen unter freiem Himmel. Um diese Zustände abzuschaffen und eine tiermedizinische Fleischkontrolle zu gewährleisten, wird am 1. März 1881 die Preußische Schlachthofverordnung erlassen.

Die Industrialisierung des deutschen Kaiserreichs schreitet Ende des 19. Jahrhunderts schnell voran. Von überall her strömen Arbeiterinnen und Arbeiter in die wachsenden Städte im Ruhrgebiet und anderswo. Dabei fehlt es anfangs an einer Infrastruktur, um die vielen neuen Stadtbewohner angemessen versorgen zu können.

Wohnungen, Krankenhäuser oder Schulen – es mangelt an allem. Das gilt auch für die Kanalisation in den deutschen Großstädten. Im Gegensatz etwa zu Wien fließen in Berlin Schmutz- und Regenwasser in offenen Rinnsalen entlang der Straßen ab.

Katastrophale Hygiene

Mehr Einwohner bedeutet auch: mehr Bedarf an Lebensmitteln. 1875 existieren rund 800 Hausschlachtereien in Berlin – in Wohnungen oder Hinterhöfen unter freiem Himmel. Unter katastrophalen hygienischen Umständen wird dort das Fleisch produziert, das ohne eine veterinärmedizinische Kontrolle auf den Tellern der Menschen landet.

In einer Broschüre über die Berliner Stadtentwässerung aus dem Jahr 1928 heißt es: "Wenn man sich vorstellt, dass alles Schmutzwasser und aller Unrat aus Häusern und Höfen auf die schlecht gepflasterten Straßen gelangten, sich dort mit dem Straßenkot vermengten und in Fäulnis und stinkende Gärung übergingen, so bekommt man einen Begriff davon, durch was für Ausdünstungen die Bewohner der Stadt belästigst wurden."

"Alles Schmutzwasser und aller Unrat aus Häusern und Höfen gelangten auf die schlecht gepflasterten Straßen, vermengten sich dort mit dem Straßenkot und gingen in Fäulnis und stinkende Gärung über."
Ausschnitt aus einer Broschüre über die Berliner Stadtentwässerung (1928)

Um diese Zustände abzuschaffen und eine tiermedizinische Fleischkontrolle zu gewährleisten, wird am 1. März 1881 die Preußische Schlachthofverordnung erlassen. Sie soll sicherstellen, dass nur noch in zentralen Einrichtungen und unter Einhaltung medizinischer und hygienischer Standards geschlachtet wird.

Ihr hört in Eine Stunde History:

  • Der Wiener Historiker Helmut Lackner schildert die Notwendigkeit, in den größer werdenden Städten am Ende des 19. Jahrhunderts das private Schlachten zu verbieten.
  • Dorothee Brantz forscht am Center for Metropolitan Studies an der TU Berlin über Bedeutung und Funktion von Zentralschlachthöfen in den großen Metropolen.
  • Der Veganer Thomas Schwarz schildert die Entwicklung von Vegetarismus und Veganismus seit dem 19. Jahrhundert.
  • Deutschlandfunk-Nova-Geschichtsexperte Matthias von Hellfeld schildert den Zusammenhang zwischen Industrialisierung und Urbanisierung, die zu größeren Städten mit hygienischen Problemen geführt haben.
  • Deutschlandfunk-Nova-Reporterin Grit Eggerichs erinnert an die Gründung des Berliner Central-Vieh- und Schlachthofs, der am 1. März 1881 seinen Betrieb aufnahm.

Unser Artikel-Bild, eine historische Illustration aus dem Jahr 1892, zeigt in Ermangelung eines Bildes aus Berlin aus jener Zeit vergleichbare Szenen aus einem Schlachthof in Chicago.