Mit der "Goldenen Bulle" schufen Kurfürsten und Kaiser im Chaos des 14. Jahrhunderts das erste Grundgesetz des deutschen Reichs. Es sollte für Frieden und Stabilität sorgen. Das klappte nicht ganz, aber bis heute hat die Bulle Wirkung: Dass Deutschland föderal organisiert ist, geht auf diesen Gesetzestext von 1356 zurück.

Es sind turbulente Zeiten für die Menschen in Europa in der Mitte des 14. Jahrhunderts: 1342 erschüttert das sogenannte Magdalenenhochwasser mit steigenden Pegelständen in allen europäischen Flüssen und schlimmen Verwüstungen den Kontinent.

Europa im 14. Jahrhundert: Kontinent im Chaos

Nur zehn Jahre später folgt die Pest, der mehr als ein Drittel der Bevölkerung Europas zum Opfer fallen. Es folgen Judenpogrome und der Zusammenbruch der öffentlichen Ordnung. Organisierte Banden von vagabundierenden Söldnern ziehen durch das Land, nehmen sich, was sie wollen und verbreiten Angst und Schrecken. Zudem ist die katholische Kirche gespalten, dem Papst in Rom treten "Gegenpäpste" entgegen, die in Avignon residieren.

Kaiser Karl IV unterzeichnet auf dem Reichstag zu Metz 1356 die Goldene Bulle (Historische Darstellung)
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Kaiser Karl IV unterzeichnet auf dem Reichstag zu Metz die Goldene Bulle (Historische Darstellung von ca. 1886)

In dieser Situation treffen sich im Dezember 1356 die sieben Kurfürsten und Kaiser Karl IV. in Metz zu einem Hoftag. Es geht um nichts weniger als das "Grundgesetz" des Heiligen Römischen Reichs, das von den drei Erzbischöfen aus Köln, Mainz und Trier sowie dem Pfalzgrafen bei Rhein, dem Herzog von Sachsen, dem Markgrafen von Brandenburg und dem König von Böhmen beschlossen wird.

In Zukunft wählen diese sieben Herrscher den deutschen König, der anschließend vom Papst zum Kaiser des Heiligen Römischen Reichs gekrönt wird. Durch die ungerade Zahl der Stimmberechtigten und die Festlegung, dass der Gewählte vom Papst zum Kaiser gekrönt werden muss, sind zwei Probleme gelöst: Es gibt immer ein Wahlergebnis und es gibt immer einen Kaiser. Ein Kampf um die Krone oder eine Sedisvakanz, also eine vorübergehende Leere, auf dem Kaiserthron ist damit ausgeschlossen.

Der Ursprung des Föderalismus

Diese Neuerungen werden im Metzer Gesetzbuch als Teil der "Goldenen Bulle" festgehalten. Die Fürsten aber lassen sich diese Reform des Reiches gut bezahlen. Sie etablieren mit dem Metzer Gesetzbuch das Territorialprinzip. Sie regieren autonom, können ihre Länder vererben und erreichen, dass Entscheidungen, die das ganze Reich betreffen, auf einem Reichstag von ihnen abgesegnet werden müssen.

Damit ist die Macht des Kaisers eingeschränkt und die Position der Territorialherren gestärkt. Die Fürsten haben sich in Metz politische Partizipation erstritten, die ihre Nachfolger – die Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten der Bundesländer – bis heute hartnäckig und erfolgreich verteidigen.

Ihr hört in Eine Stunde History:

  • Die Historikerin Marie-Luise Heckmann erläutert Inhalt und Zweck der Goldenen Bulle und des Metzer Gesetzbuchs.
  • Der Historiker Olaf Rader hat ein Standardwerk über die Goldene Bulle geschrieben und beschreibt die Auswirkungen dieses kaiserlichen Gesetzes.
  • Der Politikwissenschaftler Roland Sturm beschäftigt sich mit der Weiterentwicklung des Föderalismus und dem Verhältnis zwischen Bund und Ländern.
  • Deutschlandfunk-Nova-Geschichtsexperte Matthias von Hellfeld schildert die Lebensumstände im Heiligen Römischen Reich in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts.
  • Deutschlandfunk-Nova-Reporter Armin Himmelrath erzählt die Beschlussfassung des Metzer Hoftags, der am 21. Dezember 1356 begann.