Ihr wohnt im gentrifizierten Szeneviertel und werdet angepflaumt, weil ihr Kaffee aus dem Einwegbecher trinkt? Eure Freunde ölen ihr Fixie, ihr legt euren Polo tiefer? Dann passt auf euch auf, denn Ökoscham kann krank machen, sagen Psychologen. Eine ganz verzwickte neue Zivilisationskrankheit? Unsere Reporterin Grit Eggerichs hat sich umgehört.

Angemotzt werden, weil ihr es wagt, einen Kaffee aus einem Pappbecher zu trinken – dem Moderator Olli Schulz ist das passiert. Er sei sogar als Nazi tituliert worden, hat er kürzlich in seinem Podcast "Fest und Flauschig" erzählt. Öko-Shaming nennt sich das Phänomen, das mittlerweile sogar Psychologen beschäftigt. Unsere Reporterin Grit Eggerichs hat sich umgehört und Menschen gesucht, die sich auch schon mal aus ökologischen Gründen geschämt haben.

Als erstes trifft sie Pia. Sie ist 18 Jahre alt und geht in die 12. Klasse. Ihre Mitschüler nutzen die Mittagspause gerne mal zum Einkaufen, erzählt sie. Und dann kämen eben viele mit Plastikverpackungen zurück und andere sagten: Das muss doch nicht sein! Allerdings ohne Mitschülerinnen oder Mitschüler gleich als "Öko-Nazi" zu bezeichnen. Und schlecht fühlen´müsse sich auch niemand.

Auf einen Thunfisch mit Vegetariern

Grundsätzlich gibt es ein Problem bei der Sache, fällt Grit auf: Es ist sehr schwer, sich einzugestehen, dass wir uns für etwas schämen. Und den Druck, den jede und jeder von uns empfindet, lässt sich nur schwer messen, weil er selten offen kommuniziert wird.

Aber Grit schafft es. Sie findet jemanden, der kürzlich richtig öko-geshamed wurde: Yvonne ist Übersetzerin und war mit zwei Kollegen, beide Vegetarier, essen: Sushi. Und dann wurde Yvonne sehr komisch angeschaut und auch verbal attackiert, weil sie die Unverfrorenheit besaß, Thunfisch zu bestellen. Yvonne war also die Böse am Tisch. Es ging um Überfischung und das Tierwohl im Allgemeinen. Was Yvonne besonders ärgerte: Ihre Tischnachbarn ließen deutlich raushängen, dass sie wissen, was richtig und was falsch ist. Yvonne kam sich blöd vor, auch weil ihr in der Hitze des Gefechts nicht eingefallen war, mal die Ökobilanz von Avocados zu thematisieren.

Der Abend hätte also besser laufen können, aber Yvonne musste wegen der Sushi-Episode nicht gleich zum Psychologen, versichert sie. Und eigentlich haben alle, mit denen Grit gesprochen hat, gesagt: Shaming ist das Blödeste, was wir machen können, wenn wir gerne etwas für die Umwelt tun wollen. Vicky zum Beispiel, geht immer mit Glas-Tupperdose zur Käsetheke, aber sie würde niemanden shamen, der das nicht macht, versichert sie.

"Pöbeln? Ne! Wenn ich angepöbelt werde, nehme ich Ratschläge nicht an. Aber wenn ich nett drauf hingewiesen werde, würde ich drüber nachdenken. Pöbeln ist einfach keine gute Sache."
Vicky über Ökoshaming

Und Yvonne hat zwar über die Kritik beim Sushi noch mal nachgedacht, bleibt aber dabei: Beschimpfung sorge für schlechtes Karma. Und das könne ja auch nicht gut sein für die persönliche Klimabilanz.

Wer merkt, dass er sich in Klimafragen nicht immer ganz korrekt verhält, für den hat Ina einen Ratschlag parat: Sie erzählt von einer Kollegin, die nach jedem Flug kompensiert – also Geld an Klimaschutzprojekte zahlt. Und das auch gerne mal bei der Arbeit erzählt. Und anscheinend kriegt sie das hin, ohne zu drohen, zu mahnen oder den Zeigefinger zu erheben. Die Folge: Ina ist nachdenklich geworden und gibt zu: Sie hat auch ein bisschen ein schlechtes Gewissen bekommen.

"Ich bin schon nachdenklich geworden. Ich kriege schon auch bisschen schlechtes Gewissen dabei."
Vicky über Ökoshaming

Nachdenklich werden, das ist etwas anderes als Scham. Vielleicht informiert sich Ina vor ihrer nächsten Reise über den CO2-Ausstoß, vielleicht spendet sie Geld für Bäume. Und wer wegen eines vermeintlichen Fehlverhaltens besonders hart angepöbelt wird, sollte immer daran denken: Da hat jemand anscheinend vor allem ein Problem mit sich selbst und dem eigenen Perfektionismus, sagt Grit. Und noch etwas: Wir leben gerade in einer Zeit, da sich Werte rasend schnell ändern. Es gibt Leute, die es vor Kurzen noch cool fanden, im Flieger durch die Welt zu jetten, und vielleicht jetzt erst ganz anders darüber denken.