Ups! Jetzt hat man sich doch schnell zur Verabschiedung umarmt, dabei weiß man doch, dass der Ellenbogen besser gewesen wäre. Warum wir manchmal reflexartig die Corona-Regeln brechen, erklärt die Psychologin Ulrike Scheuermann.

Unser ganzes bisheriges Leben lang gab es nichts Normaleres, als sich zu umarmen, mal aus dem gleichen Glas zu trinken oder dicht an dicht gedrängt zu tanzen. Im Jahr 2020 ist das plötzlich alles nicht mehr erlaubt. Und auch, wenn die Corona-Regeln vielen von uns sehr bewusst sind, passieren uns ab und zu Ausrutscher.

Für die Psychologin Ulrike Scheuermann ist das mehr als verständlich, denn wir haben uns über die Jahre soziale Verhaltensprogramme angeeignet, die so tief in uns verankert sind, dass wir sie nur schwer abtrainieren können. Und gerade in Zeiten des Abstands ist unser Bedürfnis nach dieser sozialen Nähe größer denn je.

"Wir haben 20, 30, 40, 50, 60 Jahre so gelebt und plötzlich soll das nicht mehr gehen. Das geht gegen alles, was tief in uns verankert ist."
Ulrike Scheuermann, Psychologin

Um die Regeln dennoch einzuhalten, braucht es die mentale Größe und Stärke jedes Einzelnen, sagt Ulrike Scheuermann.

Unser Umfeld beeinflusst uns

Eine ungeplante Umarmung entsteht also nicht nur rein aus Vergesslichkeit, sondern auch aus einem Verhaltensreflex heraus. Eine große Rolle, wie wir uns in solchen Situationen verhalten, spielt dabei unser Umfeld, erklärt Ulrike Scheuermann.

"Es ist sehr vom Umfeld abhängig, wie sich die Menschen verhalten."
Ulrike Scheuermann, Psychologin

Sehen wir im Park Menschen, die ihre Maske nur noch unter dem Kinn tragen oder in größeren Gruppen zusammen sitzen, können wir uns davon schnell beeinflussen lassen. Sind wir an einem Ort, an dem sich jeder ganz penibel an die Regeln hält, fällt es uns wiederum selbst leichter, sich auch an die Regeln zu halten.

Ulrike Scheuermann sieht diese Zeit deshalb als ein gutes Training an, bei seinen eigenen Grundsätzen zu bleiben und sich nicht von anderen beeinflussen zu lassen. Vor allem, wenn wir merken, dass sich unser Corona-konformes Verhalten auszahlt.

Der große Wunsch nach Normalität

Bewusste Verstöße gegen die Corona-Regeln – wie das Ablegen der Maske oder eine Umarmung – werden im privaten Umfeld häufig mit dem Spruch "Wir sind doch unter uns" abgetan. Ulrike Scheuermann kann dieses Verhalten grundsätzlich sehr gut nachvollziehen. Vielen fällt es nicht leicht, die Regeln einzuhalten, da ihr Wunsch nach Normalität so stark ist, dass sie diesem nur schwer nachgeben können.

"Jeder reagiert anders darauf. Manche schaffen es, rational über die Folgen nachzudenken und bei anderen ist es nicht so."
Ulrike Scheuermann, Psychologin

Dadurch entsteht häufig ein "starker sozialer Gruppendruck": Man will das mitmachen, was andere in der Gruppe machen. Sich dagegen zu stellen, ist für viele schwer, da sie sonst schnell in die brave oder spießige Schublade gesteckt werden, erklärt Ulrike Scheuermann. Um hier trotzdem bei seinen Grundsätzen zu bleiben, sind menschliche Stärke und Größe gefragt - oder ein geschicktes Verhalten.

Dem Gegenüber zuvorkommen

Ulrike Scheuermann findet es deshalb sehr hilfreich, wenn man Freunden beispielsweise bei der Begrüßung zuvorkommt, indem man ihnen gleich den Ellenbogen hinstreckt oder ihnen mit einem überdeutlichen Lächeln und großen Gesten auf Abstand zuwinkt. Die richtige Körpersprache spielt also eine große Rolle. Auch der direkte Hinweis, dass man lieber nicht umarmt werden möchte, ist eine Möglichkeit.

Dabei ist es ganz wichtig, dass wir dem Gegenüber dennoch signalisieren, dass wir ihn oder sie auch ohne Umarmung mögen. Denn auch hier spielen die alten Verhaltensmuster eine große Rolle: Wir wissen zwar, dass die abgelehnte Umarmung nicht gegen uns persönlich geht, fühlen uns dennoch im Unterbewusstsein abgelehnt.

"Das Nicht-Grüßen, Nicht-Umarmen nimmt der andere als Ablehnung wahr. Das zu trennen, bekommen wir nicht hin. Man weiß vom Kopf her, dass es nicht so gemeint ist, aber eigentlich fühlt man sich doch abgelehnt."
Ulrike Scheuermann über das distanzierte Begrüßen

Strafen könnten die Stimmung entspannen

Sollten sich Menschen dennoch nicht an die Regeln halten, sieht die Psychologin Ulrike Scheuermann Strafen als unumgänglich an. Für sie sind Strafen vor allem ein faires Signal gegenüber denjenigen, die sich bisher strikt an die Regeln gehalten haben und ihren Alltag zugunsten der Gesellschaft eingeschränkt haben. Als Druckmittel könnten Strafen die Stimmung in der Gesellschaft sogar beruhigen.