Wer seine Impulse kontrollieren kann, um langfristige Ziele zu erreichen, ist im Leben zufriedener, zeigt die verhaltensökonomische Forschung. Ob wir das können oder nicht, hängt aber auch von äußeren Faktoren ab. Die gute Nachricht: Wer ein Selbstkontroll-Defizit hat, sich dessen aber bewusst ist, hat diesen Nachteil schon fast ausgeglichen, so Verhaltensökonomin Hannah Schildberg-Hörisch.

"Selbstkontrolle" - das klingt ja erst einmal ziemlich spaßbefreit. Tatsächlich zeigt die ökonomische Verhaltensforschung aber, dass sie uns langfristig zufriedener macht. Vermutlich, weil Menschen mit mehr Selbstkontrolle im Schnitt eine höhere Bildung haben, ein besseres Einkommen und gesünder sind – unter anderem.

"Bei der Lebenszufriedenheit, aber auch Zufriedenheit mit der eigenen Gesundheit, mit dem eigenen Arbeitsleben und Privatleben, da gibt es diesen starken positiven Zusammenhang zwischen mehr Selbstkontrolle und höherer Zufriedenheit."
Hannah Schildberg-Hörisch, Verhaltensökonomin

Wie genau und in welchem Maß Selbstkontrolle und Zufriedenheit zusammenhängen, versucht die Verhaltensökonomin Hannah Schildberg-Hörisch herauszufinden – zum Beispiel mit Befragungen. Mit ihren Kolleginnen und Kollegen konnte sie innerhalb des bundesweiten repräsentativen Sozioökonomischen Panels (SOEP) Fragen zur Selbstkontrolle stellen lassen. Und die Ergebnisse sind sehr aufschlussreich.

"Die großen Strukturen, in denen man lebt – das wirtschaftliche System, das politische System – können einen Einfluss auf individuelle Persönlichkeiten haben."
Hannah Schildberg-Hörisch, Verhaltensökonomin

Zum Beispiel konnten sie und ihr Team nachweisen, dass unser Selbstkontroll-Vermögen nicht nur durch unsere Anlagen oder durch Erziehung oder Sozialisation beeinflusst ist, worauf sich die Forschung bislang fokussierte.

Auch die Zeit und der Ort, wo wir aufwachsen, spielen eine Rolle – und somit politische und wirtschaftliche Strukturen, die beeinflussbar sind. Das gilt womöglich nicht nur für Selbstkontrolle, sondern auch für andere Eigenschaften, vermutet die Verhaltensökonomin.

Reflektion kann mangelnde Selbstkontrolle ausgleichen

Wir sind unseren Genen, unseren Eltern und unserer geografischen Herkunft in Sachen Selbstkontrolle aber nicht hilflos ausgeliefert, das zeigt die Forschung zum Glück auch. Als Kinder und Jugendliche können wir Selbstkontrolle noch aktiv lernen – dafür gibt es entsprechende Programme, erklärt Hannah Schildberg-Hörisch. Und je älter wir werden, desto mehr Selbstkontrolle haben wir im Schnitt.

Wem sie fehlt, der kann auch nachträglich noch daran arbeiten. Und was auch hilft: Sich das eigene Selbstkontroll-Problem bewusst zu machen! Denn dieses Defizit lässt sich laut der Forscherin zum Teil auch dadurch ausgleichen, dass wir reflektieren und uns vergegenwärtigen, dass da noch Luft nach oben ist.

"Wir sehen, dass oft schon das Bewusstsein für eigene Selbstkontroll-Probleme helfen kann, um mögliche negative Konsequenzen von Selbstkontroll-Problemen abzumindern."
Hannah Schildberg-Hörisch, Verhaltensökonomin

Der Vortrag:

Hannah Schildberg-Hörisch ist Professorin für Volkswirtschaftslehre, insbesondere Verhaltensökonomie und empirische Wirtschaftsforschung am Düsseldorf Institute for Competition Economics (DICE) an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf.

In ihrem Vortrag "Tomorrow is always the best day for starting a diet – Wie unser Ausmaß an Selbstkontrolle unser Leben prägt" erklärt sie, wie die Fähigkeit zur Selbstkontrolle unser Bildungsniveau, den Erfolg auf dem Arbeitsmarkt, unsere Gesundheit und Lebenszufriedenheit beeinflusst und wie man das messen kann. Gehalten hat sie ihn am 8. März 2022 im Rahmen der Bürgeruniversität der HHU in der Reihe "oeconomicum live!".