Chemtrails, die Impf-Lüge, verseuchtes Trinkwasser und und und... Sind wir in einem postfaktischen Zeitalter angekommen, in dem konspirative Geschichten mehr Zustimmung finden, als Tatsachen? Unsere Reporterin Rebekka Endler hat sich auf Wahrheitssuche begeben.

Nehmen wir ein Beispiel, das – leider – vermehrt Anhänger findet und das reale Konsequenzen für unsere Gesellschaft hat: Impfgegner. Eine Prämisse der Verschwörungstheoretiker: Viren gebe es gar nicht. Und daraus folgt dann, dass Impfen nicht Leben rettet, sondern den Körper erst krank macht, damit sich die Hintermänner – also die Pharmaindustrie – daran bereichern können. Im Ergebnis glauben die Imfgegner, Masern könnten längst ausgestorben sein. Aber nein: Die Zahl der Infektionen ist 2019 weltweit gestiegen, die Anzahl Todesfälle auch.

"Verschwörungstheorien haben oft eine Formel. Ich nenne das eine Umetikettierungs-Formel."
Jan Skudlarek ist Sozialphilosoph und Autor

Jan Skudlarek ist Sozialphilosoph und Autor. Er hat gerade ein Buch mit dem Titel "Wahrheit und Verschwörung" veröffentlicht. Er sagt, bei Verschwörungstheorien gehe es meist ums Umetikettieren: Verschwörungstheoretiker sagten also, dass ein Phänomen X, das es wirklich gibt, nicht X ist, sondern Y. Und dieses Y wurde von den üblichen böswilligen Verschwörern aufgebracht, um etwas Bestimmtes zu erreichen.

Skudlarek sagt auch, dass es ein Irrglaube sei, davon auszugehen, dass nur einige Wenige an Verschwörungstheorien glauben würden, der Mainstream hingegen aber vernünftig und rational sei. "Pustekuchen, das ist gar nicht der Fall", sagt Skudlarek. 2015 glaubten 37 Prozent der US-Amerikaner daran, dass die Erderwärmung ein Schwindel sei, um das wirtschaftliche Wachstum der USA zu drosseln. 2016 wurde ein Präsident gewählt, der genau diese Ansicht vertritt.

Wer jetzt denkt: 'Ach ja, die USA!', dem sei gesagt, dass auch bei uns im Bundestag und in den Parlamenten der Länder Leugner der Erderwärmung und Vertreter von anderen Verschwörungstheorien sitzen. Und irgendwer muss sie gewählt haben.

Schwule Frösche durch vergiftetes Trinkwasser

Aber was tun? Sollten wir Verschwörungstheorien vielleicht einfach mit mehr Humor begegnen? Immerhin wirken einige Theorien auf den ersten Blick wirklich lustig. Zum Beispiel die Idee, dass die US-Regierung Trinkwasser vergiftet, um Menschen homosexuell zu machen. Schwule Frösche seien die ersten Opfer. Der Sozialphilosoph Jan Skudlarek sagt: "Es ist irgendwie witzig, aber natürlich äußert sich auf diese Weise Homophobie und grundsätzlich Menschenfeindlichkeit."

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Verschwörungstheoretiker zeigen meist auf eine bestimmte Gruppe oder auf Individuen und sagen: 'Die sind schuld!' Und das könne gefährlich werden, wenn sich Anhänger der Theorien dann animiert fühlen, etwas dagegen zu tun, so Skudlarek. Durch Rassismus oder Homophobie motivierte Angriffe, Terrorattacken auf Minderheiten oder auch Übergriffe von Pegida-Demonstranten auf die Presse – Verschwörungstheorien schüren häufig Angst und legen dabei Lösungen nahe, die nicht selten mit Gewalt zu tun haben.

"Letzten Endes glauben wir alle unseren Vorurteilen. Und wir glauben gern auch Leuten, die so denken wie wir. Und das ist ein Mechanismus unserer Psyche."
Jan Skudlarek ist Sozialphilosoph und Autor

Jan Skudlarek erklärt den Umgang mit Verschwörungstheorien damit, dass wir unseren Vorurteilen glauben. Und vor allem glaubten wir auch, dass alle anderen so denken wie wir. "Confirmation Bias" nennen Psychologen das. Es bedeutet: Wir finden und verarbeiten eher Informationen, die genau das bestätigen, was wir ohnehin schon glauben. Wenn wir dieses Denkmuster ein wenig weiterverfolgen, dann liegt jenseits des eigenen Horizonts demnach: genau nichts! Und wer das glaubt, für den ist die Welt natürlich eine Scheibe. Der Horizont ist ja immerhin ein langer flacher Strich.

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