Während des Völkermords in Ruanda wurden 1994 geschätzt eine Million Menschen getötet. Die Mehrheit der Hutu stand der Minderheit der Tutsi gegenüber. In Versöhnungsdörfern leben heute ehemalige Täter mit Menschen zusammen, deren Angehörige getötet wurden. Unsere Reporterin Maria Caroline Wölfle hat eines dieser Dörfer besucht.

Cecile Mukagasana lebt in dem kleinen Ort Mybo. Mybo ist eines von sechs Versöhnungsdörfern, in dem Täter und Überlebende eines Genozids zusammen leben, der vor mehr als zwei Jahrzehnten in Ruanda stattgefunden hat.

Cecile ist eine der Überlebenden. Während des Völkermords floh sie nach Tansania, erzählt sie unserer Reporterin Maria Caroline Wölfle, die an einer Touristenführung in Mybo teilnimmt. Ceciles gesamte Familie wurde getötet. Ihr Nachbar Frederik gehört zu den Männern, die damals durch das Land gezogen sind und viele Tutsi mit einer Machete ermordet haben. Dafür saß er neun Jahre lang im Gefängnis. 

"Neben jemandem einzuziehen, der Menschen getötet hat, deine Freunde, das war sehr schwer. Aber in das Dorf sind vor allem arme Leute gezogen. Wenn du arm bist, ist das wichtigste erstmal, deine Familie zu versorgen."
Silas Usengumuremy, Touristenführer im Dorf Mybo

Am 6. April 1994 begann in Ruanda der schreckliche Völkermord, dem hauptsächlich Tutsi zum Opfer fielen. An diesem Tag wurde das Flugzeug des damaligen Präsidenten beim Landeanflug abgeschossen. Eine Hutu-Elite in Militär und Politik nutzte den Flugzeug-Abschuss aus und begann mit der systematischen Ermordung der Tutsi-Minderheit im Land.

"Ich akzeptiere, dass ich an den Gräueltaten hier in Ruanda beteiligt war. Die Opfer haben mir vergeben."
Frederik Kazibwemo, Bewohner eines ruandischen Versöhnungsdorfs.

Hundert Tage hielt der Konflikt an: Hunderttausende Tutsi und moderate Hutu wurden von den Hutu, die das Militär und die Politik beherrschten, umgebracht. Auch viele Hutu-Zivilisten beteiligten sich. So wie Ceciles Nachbar Frederik der heute sagt, die Opfer hätten ihm vergeben. Seine Nachbarin Cecile bestätigt das - sie und Frederik seien jetzt Freunde.

"Wir leben in derselben Nachbarschaft, unterhalten uns abends oft, wir essen zusammen. Wenn ich ihn jetzt ansehe, sehe ich keinen Hutu mehr, nur meinen Nachbarn. Wir sind jetzt Freunde."
Cecile Mukagasana, Bewohnerin eines Versöhnungsdorfs

Genozid-Aufarbeitung als Touristenattraktion

Mbyo und die anderen Versöhnungsdörfer sind ein Vorzeigeprojekt in Ruanda. Verschiedene Reiseveranstalter bieten Touristentouren dorthin an. So ist das Dorf nicht nur ein Ort der Aufarbeitung und Annäherung, sondern gleichzeitig eine Art Touristenattraktion. 

Dorfversammlung in Mybo
© Deutschlandfunk Nova | Maria Caroline Wölfle
Bei einer Dorfversammlung erzählen Täter Frederik und Überlebende Cecile vom Genozid und von Versöhnung.

Bei ihrem Besuch in Mybo nimmt unsere Reporterin Maria Caroline Wölfle auch an einer Dorfversammlung teil und hört von vielen persönlichen Schicksalen der Dorfbewohner. Sie will herausfinden, ob dieser neuartige und ungewöhnliche Ansatz zur Versöhnung funktionieren kann. 

Versöhnungsort mit Touristenshow

Nachdem die Dorfbewohner bei der Versammlung auf dem Dorfplatz ihre persönliche Geschichte erzählt haben, werden traditionelle Tänze aufgeführt. Es gibt lokale Spezialitäten zu essen, Besucher können den Frauen bei Handarbeiten zusehen und Souvenirs kaufen, zum Beispiel bunte Sisalkörbe. Damit verdienen sich manche Dorfbewohner ein wenig Geld dazu. 

Diese Show für die Touristen befremdet unsere Reporterin etwas, die Erzählungen von Frederik und Cecile wirken auf sie einstudiert, die ganze Situation irgendwie unnatürlich. Sie ist zwiegespalten, vor allem wegen der Mischung aus Geschichtsaufarbeitung und Unterhaltung für Touristen.

"Die Erzählungen von Frederik und Cecile wirken auf mich einstudiert, die Situation unnatürlich. Und das noch mehr, als sich eine Tanzgruppe formiert."
Maria Caroline Wölfle, Deutschlandfunk-Nova-Reporterin

Touristen als Botschafter

Aber die Besucher der Dörfer werden von ihren Bewohnern als eine Art Sprachrohr in die Welt gesehen, zumindest Touristenführer Silas Usengumuremy sieht das so: "Wenn jemand was Negatives über Mbyo oder Ruanda sagt, könnt ihr unsere Botschafter sein", sagt er zu unserer Reporterin.

Silas lebt selbst in Mybo. Auch in seinem Privatleben spielt die Verarbeitung des Völkermordes eine große Rolle: Als sein Vater von Hutu getötete wurde, war Silas zwölf Jahre alt.

Silas Usengumuremy aus Ruanda.
© Deutschlandfunk Nova | Maria Caroline Wölfle
Silas Usengumuremy war zwölf Jahre alt, als 1994 in Ruanda ein Genozid stattfand. Sein Vater wurde getötet. Silas überlebte mit seiner Mutter und seinen Geschwistern.

Abgesehen von der Touristenshow wirke Mbyo allerdings wie ein ganz normales Dorf, sagt Maria Caroline: Die Menschen unterhalten sich auf der Straße, sitzen gemeinsam vor ihren Häusern, arbeiten auf den Feldern. Auch an der Versöhnung arbeiten sie weiter. Vor allem mit den Kindern, darauf liegt heute der Fokus. 

"Wir wollen den Touristen zeigen, dass wir es 24 Jahre nach dem Genozid geschafft haben, uns zu versöhnen. Wir sind eine Einheit in Ruanda. Den Hass der 1990er Jahre gibt es heute nicht mehr. Und das Dorf hier ist der Beweis."
Ninah arbeitet bei einem Reiseveranstalter, der Touren in die Versöhnungsdörfer organisiert.

Das Versöhnungsdorf Mybo wurde 2005 auf Initiative der christlichen Organisation Prison Fellowship Rwanda gebaut. Vor allem arme Familien leben hier, 54 Familien. Die Organisation wird von der ruandischen Regierung und privaten Spendern aus Deutschland, den Niederlanden und den USA finanziert.

Als Frederik aus der Haft entlassen wurde, hatten er und seine Familie nichts mehr. In Mbyo bekamen sie ein Haus – und Cecile als Nachbarin. Der gemeinsame Alltag in diesem kleinen Dorf hat Cecile und Frederik einander näher gebracht, so erzählen sie. 

Ruandas Regierung forciert Versöhnungs-Image

Ruanda versteht sich inzwischen als Land der Einheit. Die Regierung forciert dieses Image, indem sie bestimmte Initiativen zur Versöhnung fördert. Es gibt ein offizielles Barometer, das misst, wie viele Menschen in Ruanda als versöhnt gelten. Demnach waren im Jahr 2015 rund 92 Prozent der Bevölkerung miteinander versöhnt. 

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