In den USA hält sich noch immer der Glaube, dass man alles erreichen könne, wenn man nur hart genug dafür arbeitet. Ausgerechnet dort ist ein Experiment gestartet, das die Arbeitszeit in Unternehmen reduziert auf 32 Stunden die Woche bei gleicher Bezahlung wie in einem Vollzeitjob.

In den USA definieren gerade 38 Unternehmen die Vollzeitwoche neu: Ihre Mitarbeitenden arbeiten insgesamt 32 Stunden, also vier Tage in der Woche und bekommen das gleiche Gehalt wie für 40 Stunden Arbeit.

Die US-Unternehmen sind Teil eines sechsmonatigen Experiments der Non-Profit-Organisation "4 Day Week Global", das mit Forschenden vom Boston College und der Universität Oxford kooperiert. Sie wollen nach dem Testlauf untersuchen, wie die Vier-Tage-Woche die Mitarbeitenden und ihre Arbeitsweise in den Unternehmen beeinflusst hat.

Produktivität und Lebensqualität

Laut der Organisation gehe es darum, die Arbeitskraft der Mitarbeitenden besser zu nutzen, statt sie zeitlich in die Länge zu ziehen. Das würde für mehr Zufriedenheit unter den Beschäftigten sorgen, die Lebensqualität erhöhen und die Produktivität fördern. Es gehe darum, eine produktive Arbeitsweise an den Ergebnissen der Mitarbeitenden festzumachen statt an ihrer Arbeitszeit.

Mehr Produktivität durch eine reduzierte Arbeitszeit, daran glaubt auch Ryan Breslow, Gründer des E-Commerce-Start-ups Bolt aus San Francisco. Seit einer Testphase Ende 2021 hat das Start-up die Vier-Tage-Woche dauerhaft eingeführt. Auf Twitter fasst Ryan Breslow zusammen, welche Erkenntnisse das Start-up aus der Testphase gezogen hat. Eine davon ist laut des Start-up-Gründers, dass das Team fokussierter zusammen gearbeitet habe. Zum Beispiel waren Meetings möglichst zielgerichtet und kurz gefasst.

"Manche Leute denken, durch eine Vier-Tage-Woche würde die Produktivität abnehmen. Wir glauben hingegen daran, dass die Vier-Tage-Woche zu einem Anstieg von Produktivität führt."
Ryan Breslow, Gründer des E-Commerce-Start-ups Bolt

Eine ähnliche Erfahrung hat auch Stephan Aarstol, Chef des Start-ups Tower in San Diego, gemacht, als er die Arbeitszeiten in seinem Unternehmen 2016 auf fünf Stunden pro Tag verkürzt hat. Dem Großteil der Mitarbeitenden gefiel das Konzept und sie haben auch fokussierter gearbeitet, weil sie auf Kaffeepause oder Unterhaltungen zwischendurch mit ihren Kolleg*innen verzichtet haben, sagt ARD-Korrespondentin Katharina Wilhelm. Sie hat das Start-up nach der Einführung der neuen Arbeitszeiten besucht und darüber mit dem Team gesprochen.

Nach etwa zwei Jahren habe die Produktivität des Teams aber wieder abgenommen, sagt Stephan Aarstol. Er erklärt das damit, dass die Mitarbeitenden die kürzere Arbeitszeit wohl als selbstverständlich angesehen haben statt als Motivation, wie von ihm beabsichtigt. Seitdem arbeitet das Start-up nach dem Modell: Läuft es gut, dürfen alle auf fünf Stunden Arbeit am Tag verkürzen. Kommen zu wenig Aufträge rein, arbeiten die Beschäftigten regulär in Vollzeit.

4-Tage-Woche gesetzlich verankern

In den USA bewegt sich auch die Politik gerade hin zur Vier-Tage-Woche. In den Bundesstaaten Kalifornien und New York gibt es Gesetzentwürfe, die Unternehmen mit mehr als 500 Beschäftigten eine Vier-Tage-Woche mit 32 Arbeitsstunden den Weg ebnen. Laut den Politker*innen, die den Gesetzentwurf unterstützen, würden große Unternehmen eine reduzierte Arbeitswoche stemmen können.

Bisher hat aber noch kein Unternehmen in den USA die 32-Stunden-Woche im großen Stil eingeführt, sagt Katharina Wilhelm. Deshalb dürfte es umso spannender sein, welche Erkenntnisse die 38 Unternehmen am Ende ihrer sechsmonatigen Testphase ziehen.

"Vor allem seit der Pandemie haben wir viel über Arbeitszeiten gesprochen, über Lebensqualität und wie man Privates und den Joballtag zusammenbringt. Diese Vier-Tage-Woche ist jetzt ein Experiment."
Katharina Wilhelm, ARD-Korrespondentin für die USA