Zahlreiche Touristen aus aller Welt machen auf Zypern Urlaub. Was die wenigsten wissen: Die Insel mit dem typischen mediterranen Charakter ist auch ein Eldorado des illegalen Vogelfangs. Über zwei Millionen Vögel fallen auf Zypern Jahr für Jahr Wilderern zum Opfer.

Zypern ist bei Zugvögeln auf ihrer Reise von Europa nach Afrika und natürlich auch auf dem Rückweg als Zwischenstation äußerst beliebt. Auf der Insel können sich die Vögel von den Strapazen des Fluges ausruhen, ihre Energie und Wasserspeicher auffüllen und Kraft für den Weiterflug tanken. Und genau diese Tatsache machen sich viele Wilderer zunutze, die auf Zypern in ganz großem Stil mit Hilfe von Netzen oder Leimruten Zugvögel, aber auch anderen Vogelarten, wildern. 

Mönchsgrasmücke wird befreit
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Eine Mönchgrasmücke wird auf Zypern von einer Leimrute befreit

Betroffen sind vor allem Drosseln, Nachtigallen, Lerchen und Rotkehlchen, aber auch seltene Arten, wie Wiedehopfe und Wachtelkönige. Nach Beobachtungen von Vogelschützern erstrecken sich die Netze über eine Gesamtlänge von über 20 Kilometern. Die Netze sind auch oft mit sogenannten Lockruf-Geräten bestückt, die die Balzgesänge der einzelnen Vogelarten täuschend echt imitieren.

Die zypriotischen Vogelfänger bedienen sich beim illegalen Vogelfang oft einer besonders heimtückischen, aber äußerst nachhaltigen Fangmethode. Sie haben in der Vergangenheit auf der baumarmen Insel zahlreiche Akazienbäume - die auf Zypern eigentlich nicht heimisch sind - gepflanzt. Bäume, die von den Zugvögeln gerne als willkommene Anflugstation genutzt werden. Und zwischen diese Bäume spannen die Wilderer jetzt ihre Fangnetze. Nach Schätzungen von Experten fallen auf Zypern Jahr für Jahr rund 2,3 Millionen Wildvögel der illegalen Jagd zum Opfer.

Zugvögel gelten in Zypern als Delikatesse. Eine Delikatesse, die sich zypriotische Feinschmecker durchaus etwas kosten lassen. Für eine Portion "Weinbergvögel" – vor allem Singdrosseln und Mönchsgrasmücken - wie die bedauernswerten Tiere auf Zypern genannt werden, müssen Gäste in den ortsansässigen Restaurants immerhin bis zu 80 Euro auf den Tisch legen. Insgesamt, so schätzen Experten, werden in Zypern so Jahr für Jahr rund 15 Millionen Euro umgesetzt. Vom illegalen Vogelfang sind mehr als 150 Vogelarten betroffen. 78 dieser Vogelarten stehen auf der sogenannten Roten Liste der gefährdeten oder vom Aussterben bedrohten Arten.

Natürlich gelten auf Zypern, wie auch in der übrigen Europäischen Union (EU), strenge Gesetze, die den Vogelfang streng untersagen. In der Praxis hilft der gesetzliche Schutz den Vögeln relativ wenig. Die Gesetze werden nämlich kaum richtig durchgesetzt. So beträgt auf Zypern beispielsweise die Höchststrafe für Vogelwilderei bis zu drei Jahren Gefängnis. Aber eben nur theoretisch. Auf Zypern ist bisher wegen illegalen Vogelfang noch nie jemand ins Gefängnis gekommen. Ertappte Wilderer kommen meist mit einer Geldbuße von 600 Euro davon. Bei einem Verdienst von bis zu 20.000 Euro pro Saison, kann ein Wilderer diesen Verlust leicht verschmerzen.

"Zugvögel sind in Zypern eine Delikatesse - und zwar eine Delikatesse, die sich der zypriotische Feinschmecker durchaus etwas kosten lässt."
Dr. Mario Ludwig, Tierexperte

Allerdings steht Zypern in Sachen illegaler Vogeljagd in Europa nicht alleine da. Auch in anderen ans Mittelmeer grenzenden Ländern, wie Italien, Frankreich oder Malta, werden in großem Stil Zugvögel gewildert. Experten schätzen, dass in Europa pro Jahr zwischen 20 und 25 Millionen Wilderern zum Opfer fallen.

Niemand muss wegen Vogelwilderei in den Knast

Und nicht nur in Europa wird Zugvögeln illegal nachgestellt, sondern auch in Nordafrika, genauer gesagt in Ägypten. Dort findet sich die größte Vogelfanganlage der Welt, deren Fangnetze sich über 700 Kilometer nahezu lückenlos von der libyschen Grenze bis hin zum Gazastreifen erstrecken. Wie viele Vögel jährlich in dieser Mammutfanganlage gefangen werden, ist auch bei Experten umstritten. Die Schätzungen liegen zwischen 10 und unglaublichen 140 Millionen Tieren.

Um diese Zahlen richtig einordnen zu können, ist es interessant, einen Blick auf zwei weitere negative Einflüsse auf die europäische Vogelwelt zu werfen: Katzen und die Intensivierung der Landwirtschaft. Wissenschaftler in der Schweiz haben errechnet, dass jede Freigängerkatze pro Jahr rund 25 Vögel fängt und tötet. Auf Deutschland hochgerechnet wären das bei 6 Millionen Freigängerkatzen rund 150 Millionen Vögel, die Katzen Jahr für Jahr zum Opfer fallen. Diese Zahl ist allerdings nicht nur bei Katzenfreunden, sondern auch bei Experten höchst umstritten. 

Aber nicht nur Vogelfang und Katzen machen unseren heimischen Vogelarten zu schaffen. Auch die Intensivierung der Landwirtschaft, die unter anderem durch Pestizideinsatz zu einem dramatischen Rückgang der Insekten und damit zu einer Verknappung der Vogelnahrung geführt hat, hat zum Rückgang vieler Vogelarten beigetragen. So ist die Zahl der Vogelbrutpaare auf den landwirtschaftlich genutzten Flächen in der EU in den vergangenen 20 Jahren um 300 Millionen zurückgegangen. Das entspricht einem Verlust von 57 Prozent.