Für die einen darf ein Studium nichts kosten, sondern soll steuerfinanziert sein. Die OECD wünscht sich unterdessen nachgelagerte Studiengebühren. Unser Reporter kennt die Argumente beider Seiten.

Das Wintersemester beginnt und die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) bringt erneut nachgelagerte Studiengebühren ins Gespräch. Eine Forderung, die in den vergangenen Jahren wiederholt von der FDP aufgebracht wurde – beispielsweise in deren Wahlprogramm 2009 und 2017. Unser Reporter Pascal Fischer hat sich zu den OECD-Ideen umgehört.

Nach dem Abschluss sollen Studierende ab einem bestimmten Jahreseinkommen für die Gebühr aufkommen. Andreas Schleicher von der OECD hat in einem Interview mit dem Deutschlandfunk auf die nachgelagerten Gebühren ab einem Jahreseinkommen von 35.000 Euro in England hingewiesen. Er arbeitet bei der Organisation als Direktor für den Bereich Bildung.

"In England ist es so: Das sind so um die 35.000 Euro Einkommen, ab denen man dann anfängt, zurückzuzahlen. Wer weniger verdient, der steht vor keinem Risiko."
Andreas Schleicher, Direktor für den Bereich Bildung (OECD)

Deutschland gehört zu den wenigen Staaten, in denen die öffentlichen Ausgaben nach OECD-Statistiken je Studierendem in den vergangenen Jahren gesunken sind. Sie waren zuletzt wieder auf dem Stand von 2005. Mit den Einnahmen aus den Gebühren sollen die Studierenden an den öffentlichen Ausgaben für ihre Universitätsbildung beteiligt werden.

Studiengebühren als Problem

In Deutschland gab es Anfang des Jahrhunderts eine Reihe von Bundesländern, in denen allgemeine Studiengebühren erhoben wurden. Mit wenigen Ausnahmen für Langzeitstudierende sind Studiengebühren bis 2014 abgeschafft worden.

Das Aktionsbündnis gegen Studiengebühren ist der Ansicht, dass es sozialverträglich grundsätzlich Studiengebühren nicht geben kann. Gebühren reproduzierten nur die bereits vorhandene Ungleichheit. In dem Bündnis sind Studierendenvertretungen, Parteihochschulgruppen, die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, Schülerinnenvertretungen und Lehrende organisiert.

Angst vor Schulden

Amanda Steinmaus vom Freien Zusammenschluss von Studentinnenschaften zitiert eine Studie des Hochschul-Informationssystems HIS. Demnach haben 11 Prozent der Studienberechtigten, die kein Studium aufgenommen haben, als Grund Bafög-Schulden angegeben. Aus Angst vor diesen Schulden würden sie ein Studium gar nicht erst aufnehmen.

"Das sind die Bafög-Schulden, die muss man nicht vollständig zurückzahlen. Und selbst das ist schon ein großes Hemmnis, so dass Leute aus Nicht-Akademikerhaushalten davor eher zurückschrecken."
Amanda Steinmaus, Freier Zusammenschluss von Studentinnenschaften

Amanda Steinmaus nimmt an, dass Menschen aus bildungsfernen Schichten durch nachgelagerte Studiengebühren erst recht vom Studium abgehalten würden. Auch das Studentenwerk hat in seiner jüngsten Sozialerhebung festgestellt, dass ein Fünftel der Studenten BaFöG-Schulden fürchtet und deswegen keinen Antrag stellt. Für Ulrich Müller vom Centrum für Hochschulentwicklung der Bertelsmann Stiftung ist dieser Abschreckungseffekt hingegen nicht ausreichend belegt.

"Es gibt in Deutschland soziale Ungerechtigkeit. Der Abschreckungseffekt von Studienbeiträgen in Deutschland hat ziemlich viel gemeinsam mit dem Ungeheuer von Loch Ness. Er ist schlicht und einfach empirisch nicht belegbar."
Ulrich Müller, Centrum für Hochschulentwicklung der Bertelsmann Stiftung

Auch das Centrum für Hochschulentwicklung der Bertelsmann Stiftung hält nachgelagerte Studiengebühren also für eine gute Idee. Die Stiftung bezeichnet sich als parteipolitisch neutral, Kritiker ziehen ihre gesellschaftspolitische Neutralität in Zweifel.

Steuerfinanzierung als Problem

Andreas Schleicher von der OECD meint, nachgelagerte Studiengebühren wären gerechter als Studiengebühren, die alle unabhängig vom Elternhaus und vom Verdienst zahlen. Würde heute sehr viel öffentliches Geld in die Hochschulen investiert, würde das Studium reicher Kinder von Menschen ohne Studium finanziert.