Auf ihrer Tour – kurz vor der Landtagswahl – trifft Deutschlandfunk-Nova-Reporterin Tina Howard Menschen aus Sachsen. Hier: Ihr Fazit.

Deutschlandfunk-Nova-Reporterin Tina Howard ist in Sachsen aufgewachsen, lebt inzwischen in Köln. Nun ist sie für eine ganze Woche in ihre Heimat zurückgekehrt, hat mit vielen Menschen gesprochen, Veranstaltungen besucht und sich mit ihren Vorurteilen auseinandergesetzt (hier geht es zur Serie).

Nach einer Woche unterwegs zieht sie Resümee:

Ich dachte im Vorhinein, dass mir in Sachsen viel Skepsis entgegenschlägt. Das war gar nicht so: Alle waren sehr freundlich zu mir und dem grünen Reportermobil. Tatsächlich hat Sachsen ja auch ein Problem mit rechtsextremistischen Strukturen, und zwar nicht erst seit gestern. Jahrelang galten Menschen, die das ausgesprochen haben, als Nestbeschmutzer. Und mancherorts ist das auch heute noch so.

Aber es tut sich was, so haben es mir die Menschen gespiegelt. Die Politiker benennen die Probleme zumindest. Und gerade die Jüngeren, die ich getroffen habe, haben oft gesagt: Wir sind mehr und wir brauchen eure Unterstützung – dass ihr die Nase rümpft und euch abwendet, bringt niemandem was.

Wenn nicht mal ein Schulbus fährt

Weil ich Leipzigerin und Kölnerin bin, habe ich per se schonmal die Großstadtbrille auf. Aber auf dem Land gibt es Probleme, die ganz anders sind als in einer Stadt. Über Tempolimit oder CO2-Steuer können Menschen, die auf dem Land leben, wo nicht mal ein Schulbus fährt, einfach nur den Kopf schütteln.

Auf dem ostdeutschen Land ist die Situation nochmal verschärft: Durch den massiven Wegzug in den 90er- und den Nullerjahren fehlt eine ganze Generation. Die fehlt als Gegenredner, wenn jemand rechte Parolen schwingt, die fehlt zum Demonstrieren, wenn wieder was geschlossen werden soll, die fehlt, um eine ländliche Region aktiv mitzugestalten. Und das ist im Osten ein viel massiveres Problem als im Westen.

Ost-West-Konflikt?

Über die Jahre haben sich Vorurteile aufgebaut, wie DIE Ossis oder DIE Wessis angeblich sind. Wir müssen da dringend im Gespräch bleiben.

Ich würde mir zudem wünschen, dass wirklich anerkannt wird, was die Ostdeutschen hier in den vergangenen 30 Jahren geleistet haben – vor allem die älteren Semester. Was die weggesteckt haben, wie sich nicht nur deren eigene Biografien, sondern auch ihre Städte und Dörfer und ihr soziales Umfeld verändert haben, was Menschen teilweise abverlangt wurde – das ist enorm.

Es gibt Menschen, die schon zwei, drei große Umwälzungen mitgemacht haben, und die nächste steht ihnen bevor – wie zum Beispiel in Weißwasser. Nach der Wende wurden große Kombinate und Betriebe dicht gemacht. Die Botschaft: Was ihr bis jetzt gemacht habt, brauchen wir nicht mehr, wir machen das jetzt alles neu.

Ich war am Donnerstag auf einer Podiumsdiskussion in Weißwasser, wo Vertreter aller Parteien da waren. Sie haben gesagt: Wir haben jahrelang Politik gemacht, die auf ganz anderen Bevölkerungsprognosen beruhte. Jetzt ist es aber anders gekommen, und die Menschen sitzen da – ohne Lehrer, Polizisten und ÖPNV. Manche Regionen wurden kaputt gespart.

Blick auf den Osten dringend differenzieren

Von meiner Reise durch Sachsen nehme ich viel mit für meine Arbeit als Journalistin, zum Beispiel, dass wir wirklich raus müssen aus unserer Großstadtblase. Dass wir den Blick auf den Osten dringend differenzieren müssen und nicht nur hinschauen, wenn es Ausschreitungen gibt. Manche haben mir erzählt, dass sie die überregionale Zeitung abbestellt haben, weil immer nur negativ über Sachsen berichtet wurde.

Ich glaube auch: Wir müssen uns besuchen – da übernehme ich Sophies Forderung, die ich am Montag im Erzgebirge getroffen habe. Ich hätte gern ein Ost-West-Austauschprogramm. Damit wir uns einfach alle ein bisschen besser kennen lernen.