Wahlkampf wird immer digitaler. Trotz Pandemie bleibt das Analoge aber wichtig, sagt die Politikwissenschaftlerin Julia Reuschenbach. Nur im direkten Kontakt erreiche man sehr unterschiedliche Menschen.

Kommenden Sonntag wird in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz gewählt. Bürgernaher Wahlkampf ist in Lockdown-Zeiten allerdings kaum möglich. Giveaways auf dem Marktplatz verteilen, Händeschütteln vorm Supermarkt, Besuch an der Haustür? Mit AHA-und Lockdown-Regeln kaum vereinbar.

Deshalb passiert derzeit viel Wahlkampf im Netz. Und man könnte meinen, in Zeiten von Social Media sei das ohnehin der effektivere Weg. Nein, sagt dazu allerdings die Politikwissenschaftlerin Julia Reuschenbach. Die persönliche Begegnung von Politikerinnen und Politikern mit Wählerinnen und Wählern habe nach wie vor Bedeutung.

"Wir sehen ja auch gerade durch die Pandemie-Bedingungen, wie wichtig persönliche Gespräche sind, und dass sie in vielerlei Hinsicht nicht ohne Weiteres durch digitale Räume ersetzt werden können."
Julia Reuschenbach, Politikwissenschaftlerin

Die klassischen Wahlkampfformate seien nach wie vor ein guter Weg, um breite Wählerschichten zu erreichen. Denn auf der Straße, vor dem Supermarkt etwa, sei es einfacher als im Netz, sehr unterschiedliche Menschen anzusprechen.

Außerdem gelingt es nicht ohne weiteres immer, digitale Aktionen gut umzusetzen, beobachtet Julia Reuschenberg. Die letzten Monate hätten auch gezeigt, dass Politikerinnen und Politiker sich damit auch schwer getan hätten und in das eine oder andere digitale Fettnäpfchen getreten seien.

Face-to-Face-Kontakte motivieren zum Wählen

Und: Face-to-Face-Aktionen haben einen großen mobilisierenden Effekt, das zeige die Forschung, so die Politikwissenschaftlerin. Sie seien daher nicht zu unterschätzen. Zumindest in den deutschen Wahlkämpfen, aber auch in Frankreich oder den USA machten sie einen entscheidenden Effekt dafür aus, wie viele Menschen man an die Wahlurnen bekomme.

"Die Leute haben keine Stammparteien mehr, denen sie die Treue halten, sondern sind flexibler geworden in ihren Wahlentscheidungen."
Julia Reuschenbach, Politikwissenschaftlerin

Die Wahlforschung der letzten Jahre zeigt auch, dass wir zunehmend Wechselwählerinnen und -wähler sind, sagt Julia Reuschenbach. Und die Wahlentscheidungen seien auch kurzfristiger geworden – immer mehr Menschen entschieden erst kurz vor dem Wahltag, wem sie ihre Stimme geben. Das mache Wahlkampf schwieriger, gerade auf der Zielgeraden.

Gleichzeitig setze sich aber in der Pandemie auch ein Trend fort, der sich schon vorher abzeichnete: eine Zunahme der Briefwahl. Und damit verlagere sich die Wahlentscheidung gleichzeitig auch vor. Schon jetzt zeigen die Zahlen, so die Politikwissenschaftlerin, dass es in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz eine sehr hohe Briefwahl-Beteiligung gibt. Für diese Wähler sind die letzten Wahlkampf-Meter also gar nicht mehr wichtig.

Klassische Wahlkampfmittel, um ältere Menschen zu erreichen

Klassische Plakate und Postwurfsendungen werden in Deutschland auch angenommen, sagt Julia Reuschenbach. Aber gerade die Pandemie werde dazu führen, dass das Digitale deutlich mehr Raum beim Wahlkampf einnimmt.

Allerdings gibt es anteilig viele ältere Wählerinnen und Wähler in Deutschland, erinnert sie – die seien zwar stärker im Netz unterwegs mittlerweile, aber eben noch nicht in dem Maße wie jüngere. Deshalb können Parteien beim Wahlkampf auf klassische, analoge Wahlkampfmittel – wie eben große Plakate – nicht gänzlich verzichten.

"Social Media ist noch nicht alles."
Julia Reuschenbach, Politikwissenschaftlerin

Social Media spielt eine Rolle, räumt die Politikwissenschaftlerin ein. Das träfe aber mehr für die Bundespolitik zu, wo es professionelle Teams dafür im Hintergrund gibt, weniger in der Landespolitik.

Und: Gerade auf Bundesebene merke man, dass Themen im Netz oft erst landesweit bekannt würden, wenn sie von den traditionellen Medien, insbesondere vom Fernsehen, aufgegriffen werden. Für politische Botschaften seien die sozialen Media eben dann doch noch nicht alles. Grinsende Gesichter auf überdimensionierten Plakatwänden werden uns also wohl auch über die Pandemie hinaus vorerst erhalten bleiben.