Eigentlich ist Sachsen-Anhalt ein schönes Bundesland. Und auch die Bilanz nach der Wiedervereinigung kann sich sehen lassen. Trotzdem ist die Stimmung schlecht. Was ist da los?

In Sachsen-Anhalt droht am Sonntag bei der Landtagswahl ein Erdrutschsieg der AfD. Fast 20 Prozent erwarten die Demoskopen. Was ist das für ein Bundesland, das offenbar großen Gefallen an den Parolen der rechten Partei findet?

Alles schlecht sei in Sachsen-Anhalt nicht, sagt der Journalisten Reinhard Bingener, der für die FAZ aus dem Bundesland berichtet.. Das Land habe eine sehr reiche Geschichte. Und die Menschen dort seien viel stärker als Bürger in anderen Regionen bereit, Eigenverantwortung zu übernehmen.

Dazu lobt Reinhard Bingener auch die Landesregierung, die vieles richtig gemacht habe. Umso überraschender, dass viele Sach­sen-An­hal­ti­ner die Lage ganz anderes einschätzen. Auch Politiker erzählen hinter vorgehaltener Hand, dass die Stimmung nicht ganz zur Bilanz passe - und die Bürger nicht wahrnähmen, was sich in den vergangenen 25 Jahren getan habe.

"Ich glaube, der destruktive Charakter in Sachsen-Anhalt kommt daher, dass man übermäßige Erwartungen an die Politik richtet."
Reinhard Bingener berichtet für die FAZ aus Sachsen-Anhalt

Reinhard Bingener schiebt in einem viel beachteten Artikel die Verantwortung für die Situation in Sachsen-Anhalt nicht der Politik, sondern der Bevölkerung zu.

Seine These: Die Menschen sind so unzufrieden, weil sie der Politik zunächst enorm viel Verantwortung aufbürden und dann enttäuscht sind, wenn die Politik die Erwartungen nicht einlösen kann. Dabei sei für jeden, der durchs Land fährt, auf den ersten Blick sichtbar, was sich in Sachsen-Anhalt alles getan habe: neue Straßen, sanierte Städte, neue Arbeitsplätze.

In seinem Artikel beschreibt Reinhard Bingener Sachsen-Anhalt als Heimat des Protestes - an sich keine negative Eigenschaft. Allerdings sind die Formen des Protestes in dem Bundesland meist destruktiv, weil die Erwartungen an die Politik zu hoch seien. Und das könne automatisch nichts anderes als Enttäuschung produzieren.

Misstrauen ins politische System

Wer sich den Erfolg der AfD in Sachsen-Anhalt anschaut, dürfe nicht vergessen, dass die Partei in dem Bundesland eine andere sei als in Westdeutschland. Das ist schon zu hören, wenn auf den Kundgebungen im Chor "Wer Deutschland nicht liebt, soll Deutschland verlassen" gerufen wird. Und die AfD schüre im Wahlkampf systematisch Misstrauen ins politische System. Wenn zum Beispiel vor systematischem Wahlbetrug bei der Landtagswahl gewarnt wird.

Ein weiterer Erklärungsversuch: Der Anteil an Ausländern in Sachsen-Anhalt ist sehr gering - anders als zum Beispiel in Süddeutschland. Und darum fallen Zuwanderer auch viel mehr auf. Reinhard Bingener betont allerdings, dass das nicht heiße, dass die Menschen in Sachsen-Anhalt ausländerfeindlich seien. Bleibt die Frage, wie sich an der Situation in Sachsen-Anhalt etwas ändern lässt. Reinhard Bingeners Vorschlag: Mehr und besser bezahlte Jobs schaffen.