Kanye West hält seine erste Wahlveranstaltung ab - und fängt vor dem Publikum an zu weinen. Die Medien stürzen sich auf den Vorfall. Tränen in der Öffentlichkeit: selten und nicht gern gesehen. Vor allem, wenn sie von Männern kommen.

Auch Männer sollen und dürfen generell mehr weinen. Das findet laut einer Umfrage die große Mehrheit in Deutschland. Anders sieht es aus, wenn es um Tränen in der Öffentlichkeit geht: Dann findet das nur noch jeder zweite der befragten Männer in Ordnung. Der Rest findet: Weinen in der Öffentlichkeit ist peinlich und gehört da nicht hin.

Frauen weinen häufiger als Männer

Frauen sehen das etwas anders. Nur jede fünfte findet Tränen in der Öffentlichkeit unangebracht. Das könnte auch etwas damit zu tun haben, dass Frauen generell häufiger weinen als Männer, sagt Deutschlandfunk Nova Reporter Johannes Döbbelt. Durchschnittlich weint eine Frau vier bis fünfmal häufiger als ein Mann - egal, ob öffentlich oder im eigenen Zimmer.

"Unsere Vorstellung von Professionalität und wie man sich öffentlich zu verhalten hat, ist eine zutiefst männliche."
Christoph May, Institut für Kritische Männerforschung

Ein Aspekt: Männern und Frauen wird das Weinen kulturell unterschiedlich beigebracht, sagt Männer-Forscher Christoph May. Viele Männer würden schon früh lernen, dass andere Männer nicht weinen. Denn: Männer, die heute erwachsen sind, haben früher ihre eigenen Väter nie oder selten weinen sehen.

Trotzdem: Auch Politiker weinen

Es geht aber auch anders: Tränen können auch gezielt eingesetzt werden. Denn in der Politik sind Tränen nicht unbedingt etwas Neues, sagt Johannes Döbbelt. Obama hat in seiner Amtszeit während einer Rede geweint, Bill Clinton auf einer Wahlkampf-Veranstaltung für seine Frau Hillary Clinton und auch das russische Staatsoberhaupt Wladimir Putin verdrückte auf einer Veranstaltung ein paar Tränen, als die russische Nationalhymne lief.

Tränen bringen Männern Sympathie

Ob sie nun echt sind oder nicht: Gerade in der Politik können Tränen auch Sympathie einbringen, sagt Johannes Döbbelt. Bei mächtigen Männern werden Tränen oft als Menschlichkeit ausgelegt.

"Eigenschaften, die oft als weiblich eingestuft werden, sind leider gerade für Frauen in Führungspositionen problematisch."
Anna Buschmeyer, Gender-Forscherin am Deutschen Jugendinstitut

Männer können von Tränen auch profitieren. Frauen werden solche Eigenschaften, die tendenziell als weiblich eingestuft werden, allerdings oft negativ auslegt, sagt Gender-Forscherin Anna Buschmeyer. Bei ihnen gelte es oft nicht als Menschlichkeit, sondern als Schwäche. Sie meint: Generell geht es auch darum, wie viel Emotionalität eine Person in der Öffentlichkeit ohne negative Folgen zulassen und zeigen darf - egal, ob Mann oder Frau.

"Ich würde gerne mehr männliche Politiker sehen, die zeigen, wenn sie überfordert sind und das auch thematisieren. Das wäre glaubwürdig."
Christoph May, Institut für Kritische Männerforschung

Auch Christoph May würde sich wünschen, dass die Akzeptanz für öffentlich vergossene Tränen steigt. Er will gerne mehr Politiker sehen, die mit ihren Tränen zeigen: Mit dieser Situation bin ich überfordert. Ich weiß gerade nicht weiter. Das mache sie nicht nur menschlich, sondern könnte auch dazu führen, dass Tränen allgemein besser akzeptiert werden.