Rund 100.000 Menschen haben sich allein 2017 in Russland mit HIV angesteckt. NGOs werfen Russland vor, im Kampf gegen Aids auf die falsche Strategie zu setzen und zu wenig Geld in die Prävention zu stecken.

Knapp die Hälfte der HIV-Infizierten in Russland sind Drogenabhängige. Zu Neuansteckungen kommt es vor allem durch verunreinigte Nadeln. Außerdem ist der Staat gegen Drogenersatztherapien. Denn Drogenabhängige gelten in Russland als Straftäter. Statt Therapie drohen ihnen Gefängnisstrafen.

"Die Kampagnen in Russland bauen auf Enthaltsamkeit und eheliche Treue."
Jeanne Turczynski, Dlf-Reporterin bei der Weltaidskonferenz in Brüssel

Statt Prävention und Aufklärung propagieren die Kampagnen konservative Wertvorstellungen. Vor allem die orthodoxe Kirche nimmt hier großen Einfluss auf den Staat. Sexual- oder HIV-Aufklärung gibt es kaum, in den Schulen wurde der Sexualkundeunterricht sogar noch reduziert.

Offiziell gibt Russland zwar einige Hundert Millionen Dollar für die Bekämpfung von HIV aus. Das Geld fließt aber nicht in Präventionskampagnen. So werden zwar korrekte Zahlen genannt, zum Beispiel die Anzahl der Neuansteckungen, aber es wird weder erklärt, wie sich Aids verbreitet, noch wie eine Ansteckung zu verhindern ist.

"Diese prüde Sexualmoral, die dort von der orthodoxen Kirche vorangetrieben wird, ist wirklich ein Problem bei HIV."
Jeanne Turczynski, Dlf-Reporterin bei der Weltaidskonferenz in Brüssel

Die Folge: Über 40 Prozent der Infizierten sind heterosexuell. Hinzu kommt, dass Homosexualität in der russischen Gesellschaft tabuisiert wird. Das führt dazu, dass homosexuelle Menschen nicht zum Arzt gehen, um sich testen zu lassen. Es gibt also auch keine Behandlung.

NGOs, die sich trotz allem um Aufklärung bemühen, sind in Russland ebenfalls nicht gerne gesehen. Sie werden als ausländische Agenten gebrandmarkt, was ihre Arbeit erheblich erschwert.

Aktuell gibt es in Russland eine Million HIV-Infizierte. Auf der Weltaidskonferenz in Amsterdam sind sich die Beteiligten allerdings sicher, dass Russland so nicht weitermachen kann. Und es gibt bereits erste Zeichen von Veränderungen, selbst wenn die noch sehr klein sind. 

Massive Kritik an Weltaidskonferenz in USA

Neben Russland steht auch die Gesundheitspolitik der USA in der Kritik. In Amsterdam gab es bereits Proteste gegen eine Austragung der Weltaidskonferenz in San Francisco in zwei Jahren. Grund dafür sind die Versuche von Präsident Donald Trump, die Gelder für das Nationale Gesundheitsinstitut NIH zu kürzen. Das konnte bislang vom Kongress verhindert werden. 

Zudem existiert eine Global Gag Rule. Dieses Gesetz bewilligt Gelder für Entwicklungshilfe nur dann, wenn sich die NGOs verpflichten, keine Abtreibungen zu machen, keine Abtreibungsberatung anzubieten oder sich für Abtreibungsgesetze zu engagieren. Viele NGOs können und wollen das nicht und mussten daher bereits schließen. Außerdem werden Einreiseverbote in die USA für Muslime und Sexarbeiter befürchtet.