In Indien haben Polizisten ein Mädchen gefunden, das offenbar bei Affen aufgewachsen ist. Was sich wie ein Märchen anhört, kommt in der Realität immer wieder mal vor.

Die Geschichte hört sich an wie eine Mischung aus Dschungelbuch und Tarzan: Im indischen Bundesstaat Uttar Pradesh haben Polizisten ein Mädchen gefunden, das offenbar mit Affen aufgewachsen ist. Holzfäller hatten das Mädchen in einem Waldgebiet entdeckt und die Polizei gerufen, heißt es in verschiedenen Medienberichten.

Affen wehrten sich

Als die Polizisten das acht bis zwölf Jahre alte Mädchen fanden, soll sie mit einer Gruppe Affen unterwegs gewesen sein, sie soll mit ihnen gespielt und keine Kleidung angehabt haben. Als sich die Beamten dem Mädchen näherten, stellten sich die Affen offenbar um die Kleine herum und schrien laut. Ein Polizist berichtete der BBC, er sei von den Affen angegriffen worden. Auch das kleine Mädchen soll sich gewehrt haben.

Die Polizisten brachten das namenlose Mädchen in ein örtliches Krankenhaus. Sie war abgemagert und hatte viele Wunden am Körper.

"Sie konnte nicht sprechen, ist am Anfang hauptsächlich auf allen Vieren rumgelaufen und hat das Essen lieber vom Boden gegessen."
DRadio-Wissen-Reporterin Verena von Keitz über das "Mogli-Mädchen"

Ärzte des Krankenhauses berichten, dass das Mädchen Angst vor Menschen hatte und anfing zu schreien, wenn sie von Leuten angeguckt wurde. Deshalb halten sie es auch für durchaus vorstellbar, dass sie von klein auf mit den Affen zusammengelebt  und deren Verhaltensweisen übernommen hat.

Die Polizei hat das Mädchen im Januar gefunden. Inzwischen hat das Mädchen offenbar angefangen, sich ihrer Umgebung anzupassen. Sie geht jetzt aufrecht und nimmt auch ihre Finger zum Essen. "Sie spricht immer noch nicht, aber sie beginnt, sich in einer Art Zeichensprache zu verständigen", sagt DRadio-Wissen-Reporterin Verena von Keitz. Die Behörden gehen jetzt Listen von vermissten Kindern durch, in der Hoffnung etwas über die Herkunft des Mädchens herauszufinden.

Nicht der einzige Fall

Das "Mowgli-Mädchen", wie sie in indischen Medien genannt wird, ist nicht das erste Kind, das offenbar mit Tieren aufwuchs. Geschichten wie diese gibt es immer mal wieder, sagt DRadio-Wissen-Reporterin Verena von Keitz. Auch in Deutschland kursierten Jahrhundertelang Berichte von Wolfskindern, also Kindern, die mit Wölfen oder Bären gelebt haben sollen. "In Gebieten, wo es Affen gibt, gibt es dann so Geschichten, wie von dem aktuellen Fall", sagt Verena von Keitz. Nicht alle dürften wahr sein, aber es gibt auch Fälle, die gut dokumentiert sind.

Eine davon ist die Geschichte von John Ssebunnya, einem kleinen Jungen aus Uganda. Als sein Vater seine Mutter umbrachte, lief John von zuhause weg und wurde erst drei Jahre später gefunden, als er fünf oder sechs Jahre alt war. Offenbar lebte er in der Zwischenzeit mit einer Gruppe Grüner Meerkatzen, einer Affenart, zusammen.

"Viele Verhaltensforscher sagen, dass die Tiere Menschen eher dulden und nicht als vollwertige Artgenossen ansehen."
Verena von Keitz über Tiere, die Menschen aufnehmen

In vielen Fällen sind Kinder, die mit Tieren leben, von ihren Eltern extrem vernachlässigt oder auch verstoßen worden, sagt Verena von Keitz. Ohne die Tiere hätten sie vielleicht nicht überlebt.