Es gibt Streit um die Reform der Einbürgerung: Wie einfach oder nicht sollen Menschen die deutsche Staatsbürgerschaft bekommen? Wirtschaftswissenschaftlerin Christina Gathmann sagt, die Forschung zeige, dass eine Reform positive Folgen habe.

Innenministerin Nancy Faeser schlägt vor, die Einbürgerung bereits nach fünf Jahren Aufenthalt zu ermöglichen. Außerdem soll eine doppelte Staatsbürgerschaft grundsätzlich eine Option sein. Kritik kommt vor allem vonseiten der CDU und dem eigenen Koalitionspartner FDP. Ihnen geht es zu schnell: Sie finden, dass die Staatsbürgerschaft nicht "verschleudert" werden dürfe.

Belohnung vs. Motivation

Christina Gathmann ist Ökonomin und leitet den Bereich Arbeitsmarkt am Luxemburg Institut für Sozialforschung. Sie sagt: In diesem Diskurs prallen zwei Menschenbilder aufeinander. Die Sicht von CDU und FDP fordert von eingewanderten Menschen zunächst Bemühungen, die am Ende mit einem deutschen Pass belohnt werden könnten – der Trumpf am Ende ihres Integrationsprozesses. Zuvor sollen sie aber einen Beruf ausgeübt und die Sprache gelernt haben.

"Die Forschung bestätigt, dass der Pass eher als Katalysator des Integrationsprozesses wirkt – ihn also beschleunigen kann."
Christina Gathmann, Leiterin des Bereiches Arbeitsmarkt am Luxemburg Institut für Sozialforschung

Grüne und SPD sehen die Einbürgerung eher als ein Mittel, das die Integration erleichtert. Deswegen soll sie früher möglich sein. Die Forschung gibt ihnen recht, sagt Christina Gathmann. Menschen, die weniger Hürden und mehr Zugänge im Land haben, können sich besser integrieren.

In den klassischen Einwanderungsländern wie die USA oder Großbritannien ist die Aufenthaltsdauern als Voraussetzung für die Einbürgerung kürzer als in Deutschland. Während ein Einwanderer in Deutschland derzeit mindestens acht Jahre auf einen deutschen Pass warten muss, bekommt er in den USA bereits nach fünf Jahren die amerikanische Staatsbürgerschaft. In vielen skandinavischen Ländern ist die Einbürgerung schon nach vier Jahren möglich.

Deutschland könnte laut Christina Gathmann seine Attraktivität auf dem Fachkräftemarkt durch schnellere Einbürgerung erhöhen.

"Bürokratie schreckt viele Menschen ab, gerade wenn sie die Sprache noch nicht beherrschen. An der Front kann Deutschland noch einiges tun."
Christina Gathmann, Leiterin des Bereiches Arbeitsmarkt am Luxemburg Institut für Sozialforschung

Ein Faktor, der eine Einwanderung nach Deutschland verkompliziert, ist das hohe Maß an Bürokratie. Gerade für jemanden, der die Sprache noch nicht beherrscht, kann das abschreckend wirken.

Beide Ansätze der Bundesinnenministerin sinnvoll

Neben der verkürzten Aufenthaltsdauer bis zur Einbürgerung soll nach Plänen der Bundesinnenministerin auch die doppelte Staatsbürgerschaft grundsätzlich eine Option sein. Beides wirke sich laut Forschungsergebnissen tendenziell positiv auf die Integration aus und sei deshalb sinnvoll, meint Christina Gathmann. Das gilt sowohl für die erste Generation als auch für die zweite Generation, die dann bereits in Deutschland geboren ist.

"Die Möglichkeit einer doppelten Staatsbürgerschaft führt öfter dazu, dass sich Menschen zusätzlich für die deutsche entscheiden."
Christina Gathmann, Leiterin des Bereiches Arbeitsmarkt am Luxemburg Institut für Sozialforschung

Die Möglichkeit einer doppelten Staatsbürgerschaft führe oft dazu, dass sich Menschen leichter dazu entschließen, auch die Staatsbürgerschaft des Landes anzunehmen, in das sie einwandern. Das zeigen die Beispiele der skandinavischen Länder.

"Sehr lange gab es keine Evidenz und keine Daten – das hat Raum gegeben für einen emotionsgeladenen Diskurs."
Christina Gathmann, Leiterin des Bereiches Arbeitsmarkt am Luxemburg Institut für Sozialforschung

Deutschland habe sich lange dagegen gewehrt, ein Einwanderungsland zu werden, meint Christina Gathmann – obwohl die Realität etwas anderes erfordert hätte. Die Politik sei immer noch an vielen Stellen von dem alten Bild geprägt, dass Einwanderung eine Bedrohung bedeuten würde. Angesichts des demografischen Wandels sei das aber nicht mehr so.

Anh Trans beschwerlicher Weg zum deutschen Pass

Nach wie vor ist die Einbürgerung in Deutschland alles andere als leicht – selbst wenn man in Deutschland geboren ist. Anh Tran, in Dresden geboren und aufgewachsen, hat das selbst erlebt: Sie war 2010 zum ersten Mal auf dem Amt, um ihren Personalausweise - wie alle ihre Freund*innen - zu beantragen. Erst zwölf Jahre später sollte sie ihn in der Hand haben.

Journalistin Anh Tran am 28. November 2022 im Gespräch mit Thilo Jahn
"Damals begann die Misere – und immer wieder das Gefühl, weniger zu sein als die anderen."

In dem Gespräch vom 28. November 2022 erzählt Anh Tran von ihrem harten Weg zur deutschen Staatsbürgerschaft. Ihre Eltern kamen als Vertragsarbeiter in die damalige DDR. Anh Tran wurde nach der Wende geboren. Sie erzählt davon, wie sie in der Ausländerbehörde behandelt wurde, welche Bedingungen sie erfüllen musste, um an den deutschen Pass zu kommen und von einem Tag in einer Londoner Zelle am Zoll, weil sie als Vietnamesin ein Visum brauchte.

Die aktuelle Debatte um die schnellere Einbürgerung findet sie beängstigend. Denn geschenkt werde einem die Staatsbürgerschaft nicht.

  • Kurz und Heute
  • Moderator:  Till Haase
  • Gesprächspartnerin:  Christina Gathmann, Ökonomin am Luxembourg Institute of Labor Economics