Wie viele Menschen in Deutschland auf der Straße leben oder Sammelunterkünfte aufsuchen, weiß niemand. Ab heute werden die Daten erstmals in einer Statistik erfasst.

Neben dem reinen Zahlenwerk zur Wohnungslosigkeit, das das Statistische Bundesamt jetzt beginnt zusammenzustellen, will Jutta Henke auch eine repräsentative Befragung unter Wohnungslosen durchführen. Sie ist Geschäftsführerin der Gesellschaft für innovative Sozialforschung und Sozialplanung und an der Erstellung der Wohnungslosenstatistik beteiligt.

Jutta Henke sagt: "Wir führen in Deutschland zu den absonderlichsten Dingen Statistiken, aber wir können nicht sagen, wie viele Bürger und Bürgerinnen kein Dach über dem Kopf haben."

In den letzten 40 Jahren hätte es bundesweit immer nur Schätzungen gegeben. Meist sei es vor allem immer um die Frage gegangen, wer zuständig ist, wohnungslose Menschen unterzubringen, erklärt Jutta Henke. Sind Städte und Gemeinde, Länder oder der Bund verantwortlich?

Viele Formen der Wohnungslosigkeit

Bei dieser Diskussion geht es auch immer um die Frage, wer als wohnungslos gilt. Aus ihrer Sicht als Sozialforscherin sind wohnungslose Menschen, die keine gesicherte Wohnung durch Mietvertrag oder Eigentum haben.

Innerhalb dieser Definition gibt es unterschiedliche Gruppen Wohnungsloser. Zum Beispiel Menschen, die auf der Straße leben oder jene, die in Städten untergebracht werden müssen, oder Menschen, die in Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe oder bei Freunden und Verwandten leben.

"Das sind auch Menschen, von denen man gerade mal ahnt, dass sie wohnungslos sind, weil sie auf dem Sofa bei Freunden oder Verwandten schlafen."
Jutta Henke, Geschäftsführerin der Gesellschaft für innovative Sozialforschung und Sozialplanung

Deshalb wird Jutta Henke die Wohnungslosenstatistik mit ihrer repräsentativen Befragung ergänzen, damit auch die verdeckte Wohnungslosigkeit erfasst wird.

Ziel: Wohnungslosigkeit beenden

Von dieser Statistik und den Befragungsergebnissen erhofft sich Jutta Henke, dass "wir eine bessere Politik machen werden und es Wohnungslosigkeit überhaupt nicht geben muss." Anhand der Daten könne die Politik ihre Maßnahmen gegen Wohnungslosigkeit ausrichten. Schließlich ist das auch ein Ziel der Bundesregierung, bis 2030 die Wohnungslosigkeit zu beenden.

"Wer etwas gegen Wohnungslosigkeit tun will, braucht Informationen. Wie viele Menschen brauchen Wohnungen?"
Jutta Henke, Geschäftsführerin der Gesellschaft für innovative Sozialforschung und Sozialplanung

Jutta Henke glaubt, dass es für die Bundesregierung gar nicht so schwer sei, die Wohnungslosigkeit zu beenden. "Weil wir genau wissen, was getan werden muss", betont die Sozialforscherin. So können Kommunen, Jobcenter und Wohnungslosenhilfe gemeinsam dafür sorgen, dass Menschen ihre Wohnung erst gar nicht verlieren.

Eine andere Maßnahme könnte sein, Wohnungslose dabei zu unterstützen, einen Mietvertrag zu bekommen, denn bei Vermietenden sind sie nicht gerade beliebt. "Alle, die jetzt keine Wohnung mehr haben, müssen mit Wohnraum versorgt werden", sagt sie. Dafür gebe es schon viele Projekte, die daran ansetzen, diese müssten nur konsequenter umgesetzt werden.

Es würden schätzungsweise bis zu 50.000 Menschen auf der Straße leben, diese könnten in den nächsten acht Jahren leicht mit Wohnungen versorgt werden.