Geklitterte Geschichte: Warum man es kritischen Computerspielen nicht zutraut, heikle Geschichtsthemen wie die Nazizeit aufzuarbeiten.

Im Computerspiel "Wolfenstein 2" haben die Nazis die USA erobert. Das ist ein völlig übertriebenes, brachiales Actionspiel, in dem es um das Szenario geht: "Was wäre, wenn Deutschland den Krieg gewonnen hätte?" Aber: In der deutschen Version sind alle Bezüge zum Nationalsozialismus entfernt worden. Der Spieler kämpft stattdessen gegen "das Regime", es gibt auch keine Hakenkreuze im Spiel.

"Es kann nicht sein, dass in einem sehr wichtigen Medium dieser Teil der Geschichte geklittert ist."

In Filmen sind Hakenkreuze kein Problem, da sind sie von der Kunstfreiheit gedeckt. Bei Computerspielen müsste sich theoretisch ein Entwickler trauen und mit seinem Spiel mit Hakenkreuzen vor Gericht gehen. 

Gefangenenlager statt KZ

"Wolfenstein 2" ist in der deutschen Version übervorsichtig: Aus "Mr Hitler" in der US-Version wird in Deutschland "Herr Heiler". Auch die Geschichte ist eine andere: Der Held des Spiels, B.J. Blazkowicz, hat eine jüdische Mutter. In der Originalversion ist sie in einem KZ ermordet worden. In unserer deutschen Version ist sie als Verräterin in einem Gefangenenlager gestorben.

"Im deutschen Wolfenstein gibt es keine Juden und keinen Holocaust mehr."
Thomas Ruscher, Deutschlandfunk-Nova-Gamesexperte
Screenshot aus throughthedarkestoftimes.com
Through the Darkest of Times

Spieleentwickler Jörg Friedrich findet es ziemlich fatal, wie in Computerspielen - eben nicht nur in "Wolfenstein 2", sondern auch vielen anderen - mit der Nazigeschichte umgegangen wird. Darum arbeitet er gerade selber an einem Spiel, das zur Zeit des Dritten Reiches spielt: "Through the darkest of Times".

"Man traut Spielen einfach nicht zu, kritische Themen anzugehen."
Jörg Friedrich, Spielentwickler

In dem Strategiespiel geht es um eine zivile Widerstandsgruppe, die gegen das Naziregime kämpft, und es will die Geschichte von 1933 bis 1945 möglichst realistisch abbilden. Das heißt: Es gibt natürlich die Judenverfolgung, es gibt den Holocaust und die Naziverbrechen. Aber: Hakenkreuze gibt es nicht.

Ausschnitt aus dem Game "Attentat 1942"
Ausschnitt aus "Attentat 1942"

Angst vor Verboten

Zwar gibt es einige gute und kritische Spiele, die sich mit dem Nationalsozialismus beschäftigen - in Deutschland erscheinen die aber meist nicht. Ein Beispiel: "Attentat 1942", ein Spiel aus Tschechien. Darin erleben die Spieler aus der heutigen Perspektive die Geschichte eines Mannes im Widerstand gegen die nationalsozialistischen Besatzer. Dazu gibt es Interviews mit Zeitzeugen - im Prinzip ist das ein Spiel wie eine gute Dokumentation. Und es ist bereits weltweit erschienen, nur nicht in Deutschland.

"Der Entwickler hat zu viel Angst, dass sein Spiel wegen der Hakenkreuze verboten werden könnte - und uns entgeht dadurch ein sehr gutes und sehr wichtiges Computerspiel."
Thomas Ruscher, Deutschlandfunk-Nova-Gamesexperte

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