Das Thema Eltern pflegen blenden viele von uns bis zum letzten Moment aus. Aber es gibt auch Menschen, die müssen sich sehr viel früher damit beschäftigen. Jugendliche, junge Erwachsene und auch Kinder, die ihre Eltern pflegen, haben nicht nur eine große Verantwortung, sondern oft auch kaum Zeit, sich um sich selbst zu kümmern.

Wenn die Eltern langsam alt werden, stellt sich uns irgendwann die Frage: Wie gehen wir damit um? Können wir sie Zuhause pflegen oder ist ein Pflegeheim die richtige Wahl? Es gibt aber auch Kinder und Jugendliche, die oft gar keine Wahl haben – sie werden Young Carers, also junge Pflegende, genannt.

Frühe Verantwortung – wenig Zeit für sich

Als Julika Stich aus Lübeck sieben Jahre alt war, erkrankte ihre Mutter an Multipler Sklerose – und es kam eine enorme Verantwortung auf sie zu. 17 Jahre lang pflegte sie ihre Mutter, die ohne ihre Hilfe den Tag nicht meistern konnte.

"Es fing mit kleinen Tätigkeiten an, zum Beispiel ihr von einem auf den anderen Rollstuhl zu helfen. Dabei hatte ich ständig Angst: Was ist, wenn sie fällt?"
Julika Stich, Leiterin der Initiative Young helping hands

Mit zehn Jahren übernimmt Julika dann auch die Intimpflege ihrer Mutter. Sie lebt in ständiger Sorge, ihrer Mutter könne etwas passieren. Jede Krankenwagen-Sirene löst in ihr Panik aus. Die eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen und darauf einzugehen – für Julika war das die meiste Zeit ihrer Kindheit unmöglich.

"Sehr spät hatte ich schließlich einen Zusammenbruch. Die ständige Doppel- und Dreifachbelastung durch Schule, Arbeit und noch ein Leben außerhalb war zu viel. Das alles zu kombinieren, habe ich erst jetzt gelernt."
Julika Stich, Leiterin der Initiative Young helping hands

Heute ist Julika 38 Jahre alt. In ihrer Kindheit und Jugend fühlte sie sich mit der Pflege oft allein gelassen. Damit es anderen Kindern und Jugendlichen besser ergeht, hat sie im Jahr 2016 die Initiative Young helping hands in Lübeck gegründet – eine Anlaufstelle für Kinder und Jugendliche, die ihre Angehörigen pflegen und darüber sprechen wollen.

Young helping hands berät junge Pflegende

Eine von ihnen ist die 17-jährige Lana Rebhan. Ihr Vater hat mehrere Herzinfarkte und Schlaganfälle hinter sich. Seit drei Jahren schmeißt Lana deshalb den Haushalt, kocht für sich und ihre Mutter und hilft ihrem Vater.

"Es gab Phasen, da konnte mein Vater weder sprechen, noch laufen, noch sich richtig hinsetzen oder aufstehen. Sobald er etwas fallengelassen hat, konnte er es nicht aufheben, aber er konnte mir auch nicht Bescheid sagen, also musste ich praktisch immer neben ihm sein."
Lana Rebhan, junge Pflegende

Die Sorge um ihren Vater und die Verpflichtungen, die sie Zuhause hat, stellten Lana vor harte Entscheidungen. Lernen oder doch ins Krankenhaus fahren, wo ihr Vater im Sterben liegt? In solchen Fällen gewinnt dann eben das Krankenhaus, sagt sie.

Ihre Noten waren dementsprechend schlecht. Die achte Klasse musste sie deshalb wiederholen. Heute macht sie eine Ausbildung zur Steuerfachangestellten – das mache ihr nicht nur Spaß, sondern bringe sie auch mal auf andere Gedanken.

"Wenn Nachbarn oder Freunde von Young Carers sich an mich wenden, und fragen wie sie helfen können, gebe ich oft den ganz einfachen Tipp: Zeit mit dem Kind verbringen. Denn die Eltern können das in vielen Fällen eben nicht mehr."
Julika Stich, Leiterin der Initiative Young helping hands

Auch heute noch wendet sich Lana an Julika. Sie schätzt, dass sie so viel Erfahrung hat. Das hilft ihr. Aber es wenden sich auch Menschen an Julika, die selbst zwar niemanden pflegen, aber mit Young Carern befreundet sind. Ihnen rät sie: Einfach mal Zeit mit den jungen Pflegenden verbringen. Denn die Eltern können das in vielen Fällen eben nicht mehr.

Mehr Aufmerksamkeit für Pflege

Julika Stich wäre froh gewesen, sich mit anderen Young Carern auszutauschen oder jemanden um Rat fragen zu können. Ihre Initiative wurde im September mit dem 12.000 Euro dotierten Leuchtturmpreis 2020 der Ravensburger Stiftung ausgezeichnet.

Dieses Geld soll in die Öffentlichkeitsarbeit fließen. Denn Pflege und junge Pflegende – das seien in unserer Gesellschaft immer noch Tabuthemen.