Immer gehetzt, zu spät, keine Zeit für Spontaneität - wer kennt das nicht. Zeitpolitiker fordern deshalb eine selbstbestimmte Zeitkultur für mehr Lebensqualität.

Eine Phänomen der Gegenwart ist, dass so gut wie jeder über zu wenig Zeit klagt. Eigentlich müssten wir heute viel mehr Zeit und Freizeit haben als unsere Vorfahren. Tatsächlich oder gefühlt sind die meisten von uns kontinuierlich unter Druck und Stress. Wie ließe sich das nachhaltig ändern?

"Es wird in dieser Gesellschaft entweder nicht achtsam mit Zeit umgegangen oder es wird im Konflikt zwischen Zeiten von Menschen und Zeiten von Institutionen oder Unternehmen den Zeiten von Menschen das Nachsehen gegeben."
Ulrich Mückenberger, Zeitforscher

Zeitknappheit liegt nicht zwingend an unserem individuellen schlechten Zeitmanagement. Eine Ursache könnte auch darin liegen, dass wir unsere Zeit nicht mehr selbst einteilen: Arbeitszeiten, Abfahrtszeiten, Öffnungszeiten. Klingt banal? Keineswegs. Wer bestimmt, ob ein Bus alle 30 oder alle 15 Minuten fährt, wer steuert, ob Geschäfte um 19 Uhr oder um 22 Uhr schließen müssen, oder wer festlegt, dass unsere Bundestagswahl an einem Sonntag von acht Uhr morgens bis sechs Uhr abends stattfindet, der hat Einfluss auf unser Leben.

Zeit ist nicht nur Geld

Bisher aber wird der Faktor Zeit in der Politik viel zu wenig berücksichtigt. Das sagen Vertreter der Zeitpolitik. Diese recht junge Disziplin konzentriert sich auf den Faktor Zeit als gesellschaftliche und politische Handlungsdimension. So fordert die Deutsche Gesellschaft für Zeitpolitik eine "gerechte Zeitordnung", mit der sich "mehr zeitliche Lebensqualität" erreichen lässt. Das Ziel sollte demnach eine "Zeitkultur der Selbstbestimmung, Toleranz und Vielfalt" sein. Somit würde der Zeit als Lebenszeit oder dem "Zeitwohlstand" ein größerer Stellenwert gegenüber der Zeit als ökonomische Ressource eingeräumt werden.

"Was wollen wir eigentlich? Das Recht auf Zeit!"
Ulrich Mückenberger, Zeitforscher

Der Rechts- und Politikwissenschaftler Ulrich Mückenberger geht einen Schritt weiter. Er fordert ein verbrieftes "Recht auf Zeit". Mückenberger war in Hamburg Professor für Arbeits-, Sozial- und Europarecht und hat - unter anderem - die Forschungsstelle Zeitpolitik geleitet. Mittlerweile ist er emeritiert und arbeitet als Forschungsprofessor am Zentrum für europäische Rechtspolitik der Uni Bremen. Seit 2004 ist er Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Zeitpolitik.

Seinen Vortrag "Ein Recht auf Zeit? Überlegungen zu Lebensqualität und Zeitpolitik" hat er am 5. Februar 2015 im Rahmen der Akademievorlesungen 2014/2015 mit dem Titel "Auf dem Weg in eine zeitachtsame Gesellschaft? Gelebte Zeit und gezählte Zeit" an der Akademie der Wissenschaften in Hamburg gehalten.

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