Die Aktion "Soko Chemnitz" der Gruppe Zentrum für Politische Schönheit war heftig umstritten. User wurden aufgerufen, mutmaßliche Rechtsextreme zu melden. Doch darum ging es wohl gar nicht: Man habe Rechtsextremen eine Falle stellen wollen – und die seien darauf reingefallen. Unser Netzreporter Andreas Noll hat sich die wieder neuen Behauptungen des Künstlerkollektivs angeschaut.

Auf Soko Chemnitz sollten User Menschen auf Fotos identifizieren. Die Fotos stammten angeblich von den rechten Demonstrationen und Krawallen in Chemnitz im Sommer 2019. Aufgesetzt hatte die Seite die Künstlergruppe Zentrum für politische Schönheit.

Online-Pranger vermeintlicher Rechtsextremer

Das Zentrum behauptete, dass man mit Hilfe der User eine Datenbank von Rechtsextremisten erstellen wolle. Diese Art Online-Pranger wurde heftig kritisiert, so unser Netz-Reporter Andreas Noll.

Doch wie immer bei den Aktionen des Zentrums soll alles nun ganz anders gewesen sein. Die Seite "Soko Chemnitz" sei eine Falle für Rechtsextreme gewesen. Mittlerweile heißt es auf der Webseite: "Danke, liebe Nazis. Danke für das vorzeitige Weihnachtsgeschenk!"

Die Rechtsextremen sollen sich selbst entlarvt haben

Denn das Ziel sei nicht der Online-Pranger gewesen, sondern Informationen über Netzwerke der Rechtsextremisten zu sammeln, so das Kollektiv.

Dafür habe man die Informationen genutzt, die die insgesamt 2,5 Millionen Besucher der Webseite binnen drei Tagen hinterlassen hätten. Dadurch will man eine umfangreiche Datenmenge gesammelt haben. Die Gruppe spricht von einem "Datenschatz".

"Das Zentrum für politische Schönheit spricht von einem 'riesigen Datenschatz'. "
Andreas Noll, Deutschlandfunk-Nova-Netzreporter

Besuchern der Seite wurden, so die Gruppe, zufällige Samples von 20 Profilen angezeigt. Viele User reagierten, indem sie ihren eigenen Namen in die Suchmaske eingaben, um zu überprüfen, ob sie in der angeblich erstellten Datenbank als Rechtsextremisten auftauchen. Die Datenbank soll es tatsächlich geben: Das Zentrum will sie für die Aktion mit viel Mühe erstellt haben.

Aus den Suchanfragen auf der Webseite will die Gruppe mithilfe von Algorithmen und künstlicher Intelligenz Zuordnungen der suchenden User mit der bestehenden Datenbank getroffen haben. Als Resultat habe man mittels Datenvisualisierung ein rechtes Netzwerk darstellen können: So habe man Freundeskreise, Knotenpunkte, Mitläufer und Aufenthaltsorte abbilden können. Dabei wollen die Künstler sogar die Datenschutzbestimmungen eingehalten haben.

Ob das Vorgehen wirklich zu ernsthaften Resultaten führt, ist abzuwarten, so Andreas Noll.

"Technisch sind das vage Andeutungen mit vielen angesagten Buzzwords über das Vorgehen."
Andreas Noll, Deutschlandfunk-Nova-Netzreporter

Ob es diese Such-Logs, Algorithmen und Datenvisualisierung wirklich gibt, ist noch offen. Auch das kann eine Behauptung des Zentrums sein, so Andreas Noll. Grundsätzlich kann das technisch funktionieren. "Wobei ich mich frage, wie belastbar die Informationen sein können – eben allein aufgrund einer Suchfunktion", sagt Andreas Noll.

Mehr zum Thema:

  • Flugblätter gegen Erdogan | Das Zentrum für politische Schönheit hat in Istanbul offenbar Flugblätter auf eine Straße am Gezi Park herabsegeln lassen – mithilfe eines ferngesteuerten Druckers.
  • Die Toten kommen | Immer wieder erreichen uns Meldungen von Flüchtlingen, die im Mittelmeer ertrinken. Was passiert mit ihren Leichen? Die Aktivisten vom Zentrum für politische Schönheit möchten sie nach Deutschland holen.