Gerade wird erneut über die Grenzwerte für Feinstaub und Stickoxide im Straßenverkehr diskutiert - und über die daraus resultierenden Gesundheitsgefahren. Ein Argument in dem Streit: Rauchen sei viel schlimmer. Wir wollten wissen: Kann man Zigarettenrauchen und das einatmen von Abgasen miteinander vergleichen? Der Journalist Nicolas Lieven sagt, eher nicht. Außerdem liege das eigentliche Problem ganz woanders.

Eine kleine Gruppe Lungenexperten kritisiert derzeit die aktuellen Grenzwerte für Stickoxide und Feinstaub. Sie sagen auch, dass die Stickoxide, die aus den Autoabgasen kommen – im Vergleich zu gerauchten Zigaretten – gar nicht so schlimm seien. Der Journalist Nicolas Lieven hat sich mit diesem Vergleich beschäftigt und sagt, dass ihn das ziemlich wütend mache: "Mich ärgern solche Statements massiv." Es gebe zwar keinen eindeutigen Beleg dafür, dass Stickstoffdioxid allein verantwortlich ist für den Tod von Menschen, gleichzeitig gebe es aber auch keinen Beleg dafür, dass Stickoxid auf keinen Fall dafür verantwortlich ist. 

"Die Statistik sagt, dass Menschen, die in belasteten Gebieten wohnen, eben kürzer leben. Und es ist völlig unstrittig, dass Stickstoffdioxid giftig ist."
Nicolas Lieven, freier Journalist

Viele Studien kommen zu dem Ergebnis, dass Stickoxid die Lunge, das Herzkreislaufsystem oder Atemwege schädigt, so Lieven. Nicht eindeutig geklärt sei die Frage, ab welcher Dosis das passiert. 


Der Vergleich mit der Zigarette ist schräg

Der Vergleich zwischen einer Zigarette und dem Straßenverkehr bleibt im Ergebnis leider etwas schwammig, weil sie sich einfach nicht so direkt vergleichen lassen. Bei einer Zigarette heißt es beispielsweise, dass etwa 1000 Mikrogramm eingeatmet werden. Bei einer Straße liegt der Grenzwert bei 40 Mikrogramm auf einen Kubikmeter Luft. Stellen sich die Fragen: Wie oft atmen wir ein, wie viel bleibt am Ende hängen?

Nicolas Lieven gibt aber auch zu bedenken, dass wir bei einer Straße nicht nur Stickoxid aus den Abgasen einatmen, sondern auch Feinstaub, Schwefeldioxid, Kohlenwasserstoffe oder Schwefelsäure. Sich nur auf Stickoxid zu konzentrieren, findet der Journalist daher schwierig. Dennoch gebe es durchaus Gründe, die aktuellen Grenzwerte vor allem wegen ihrer Entstehung zu hinterfragen. 

So entstanden die Grenzwerte

Die EU habe vor 20 Jahren Grenzwerte festgelegt, um die Gesundheit der Menschen zu schützen - habe dabei aber keine wirklich aktuellen und relevanten Daten gehabt. Also habe sich an sehr alten Daten aus den 1970er Jahren in den USA orientiert, so Lieven: "Da hat man sich Gasheizungen angeguckt, die in verschiedenen Häusern eingebaut waren und da hat man gesagt: 'Ja ungefähr bei diesem Wert gab es gesundheitliche Gefahren.'" Diese Daten wurden übernommen. Nicolas Lieven schätzt das so ein: Es gibt keine richtige Grundlage für die aktuellen Werte, es sein aber sinnvoll, solche Grenzwerte niedrig anzusetzen, damit auch wirklich niemand geschädigt werde.

"Der Gesetzgeber muss auf Nummer sicher geben. Wir haben Kinder im Straßenverkehr oder auch die, die an solchen Straßen wohnen. Wir haben Asthmakranke und Schwangere."
Nicolas Lieven, freier Journalist

Auch Bundesverkehrsminister Scheuer hat sich inzwischen zu der Kritik der Lungenärzte geäußert. Seiner Meinung nach sei es wichtig, diese Stimme zu hören. Der Journalist Nicolas Lieven findet das nicht richtig das. Er findet, das Problem liegt eigentlich woanders. Die deutsche Autoindustrie habe wirklich verschlafen, neue Konzepte für E-Mobilität und autonomes Fahren zu entwickeln. "Man muss sich endlich mal von diesen Verbrennungsmotoren verabschieden", so Lieven. Die Diskussion, ob Stickoxide tatsächlich gefährlich seien, ziele einzig und allein auf den Erhalt von alten und inzwischen überholten Technologien ab.

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