Irmela Mensah-Schramm ist eine couragierte Frau: Sie ist 70 Jahre alt und lässt sich seit 30 Jahren nicht einschüchtern. Sie knibbelt Naziaufkleber weg und übersprüht Hakenkreuze. Dafür wird sie jetzt bestraft und soll 1800 Euro Bußgeld bezahlen.

Rudow ist der südlichste Teil von Berlin-Neukölln. Hier ist Irmela Mensah-Schramm unterwegs mit DRadio-Wissen-Reporter Dominik Schottner. Irmela Mensah-Schramm stammt ursprünglich aus Schwaben, sie lebt aber seit ewigen Zeiten in Berlin. Und hier ist sie meiste Zeit mit ihrem Lieblingswerkzeug unterwegs: einen Ceranfeldschaber. Damit kratzt sie Naziaufkleber von Ampeln, Bushaltestellen, Postern, Straßenschildern. Egal wo Irmela Mensah-Schramm unterwegs ist, sie findet immer mehrere Aufkleber - sogar in schmucken Siedlungen mit lauter Einfamilienhäusern und gepflegten Gärten.

Kratzen seit 1986

Angefangen hat das alles 1986 mit einer Busfahrt zur Arbeit. Auf dem Weg zum Bus hat Irmela Mensah-Schramm einen Aufkleber gesehen, auf dem stand: "Freiheit für Rudolf Hess". Sie hatte keine Zeit den Kleber abzumachen, aber den Gedanken daran wurde sie nicht mehr los. Am Abend - nach der Arbeit - klebte das Ding da immer noch. Da hat Irmela Mensah-Schramm ihren Schlüssel genommen und den Kleber abgekratzt.

"Mir ist niemand zuvorgekommen. Und dann habe ich meinen Schlüsselbund genommen und das Zeug abgekratzt. Und ich weiß noch: Ich stehe davor und habe ganz tief durchgeatmet und gedacht: Jetzt ist der Dreck weg!"
Irmela Mensah-Schramm über ihren ersten entfernten Aufkleber

Manchmal stößt Irmela Mensah-Schramm damit auch an Grenzen. Ab und an übersprüht sie schon mal ein Hakenkreuz oder blöde Sprüche. Einmal hat sie in Berlin-Friedenau ein Graffito übermalt: "Türken vergasen". Ein Sicherheitsmann der Bahn hat sie angesprochen und zu Boden gestoßen. Irmela Mensah-Schramm fiel zu Boden und erlitt ein Schädel-Hirn-Trauma. Eine Anzeige bekam sie trotzdem. Wegen Hausfriedensbruchs, Sachbeschädigung und Körperverletzung.

Rechtlich im Graubereich, moralisch nicht

Irmela Mensah-Schramm kratzt in einer Grauzone: Mit dem Ceranfeldschaber hinterlässt sie manchmal auch Spuren - vor allem, wenn die Sticker mehrfach überklebt sind: "Nazi", "Antifa", "Nazi", "Antifa", "Nazi". Ihre Aufkleberfunde meldet Irmela Mensah-Schramm der Polizei. Manche Beamte nehmen das auf, andere interessiert es überhaupt.

"Die Polizei ist verpflichtet, die Entfernung zu veranlassen und das innerhalb von 24 Stunden passiert. Und wenn ich aber ein paar Tage später wieder herkomme, mit Farbe eingedeckt, war alles noch unverändert da."
Irmela Mensah-Schramm über Naziaufkleber und die Polizei

Eigentlich müsste die Polizei den Eigentümer informieren, der dann verpflichtet ist, die Aufkleber oder Schmierereien entfernen zu lassen. "Macht er es nicht weg, dann wird eine Firma beauftragt, die das auf Kosten des Hausbesitzers entfernt", erklärt Irmela Mensah-Schramm.

Das Archiv der Naziaufkleber

Die Aufkleber, die sie selbst entfernt, schmeißt sie nicht einfach weg. Irmela Mensah-Schramm sammelt den Irrsinn: Vom stumpfen "Ausländer raus" über "Juden in die Gaskammer" bis zu "Good night left side", einem Aufkleber, den sogar bayerische Polizisten schon auf ihrer Ausrüstung mit sich herumgetragen haben. Alles wird fotografiert und in ihrer Wohnung abgeheftet. Irmela Mensah-Schramm geht auch in Schulen, spricht mit Schülern, gibt Workshops, stiftet Nachahmer zum zivilen Ungehorsam an.

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