Im Studium oder Beruf und auch privat läuft viel Kommunikation digital ab – oft mit Kamera. Seit Beginn der Pandemie ist es noch mehr. Wir sehen deswegen unser eigenes Gesicht viel häufiger als sonst. Denise Ginzburg-Marku ist Psychologin und erklärt, was dieses Mehr an Selbstaufmerksamkeit mit uns macht und was dagegen hilft.

Laut der Fachzeitschrift Facial Plastic Surgery & Aesthetic Medicine nimmt die Zahl von Personen deutlich zu, für die ihr Bildschirmbild beim Zoomen oder Skypen der Grund sind für eine Schönheitsoperation. Auch gibt es mehr Suchanfragen bei Google zum Thema Akne oder Haarausfall.

Wir schauen sehr kritisch in unser Bildschirmgesicht

Das Phänomen an sich ist nicht neu, so Denise Ginzburg-Marku. "Wenn wir uns lange betrachten, dann steigert das unsere Selbstaufmerksamkeit." Das zeigen auch Studien.

Und diese gesteigerte Selbstaufmerksamkeit führt bei Menschen, die ohnehin schon kritisch mit sich selbst sind, zu noch mehr Zweifeln und Unsicherheit. "Das ist dann ein Teufelskreis", sagt die Psychologin. Man achtet immer mehr auf sich und findet immer mehr, was einen stört.

Aber dass wir uns häufiger selbst betrachten, ist für viele problematisch. Nicht nur für jene, die generell kritisch mit ihrem Äußeren sind. Denn niemand ist total zufrieden mit sich, so die Psychologin.

"Wer ist schon ultimativ zufrieden mit sich?"
Denise Ginzburg-Marku, Psychologin

Hinzu kommt, dass bei Zoom oder auch Skype und anderen digitalen Anwendungen unsere Gesichter verzerrt werden. Auch vergleichen wir uns viel häufiger. Wenn wir in den Spiegel schauen, gibt es keinen Vergleich. Auch zeigt das Spiegelbild mehr von uns und unserem Körper. Diese Besonderheiten von Videokonferenzen verstärke die Selbstaufmerksamkeit, so die Psychologin.

"Das sind alles Prozesse, die steigern diese Selbstaufmerksamkeit – und die ist nicht gut für uns."
Denise Ginzburg-Marku, Psychologin

Auch für Menschen, die eher eitel oder sogar narzisstisch wirken, ist es teils eine Herausforderung, häufiger in das eigene Bildschirmgesicht zu blicken. "Das sind besonders gefährdete Leute", sagt Denise Ginzburg-Marku. Aber auch sie kämpfen oft mit Selbstbewusstseinsproblemen und betrachten sich besonders kritisch.

"Wenn wir auf unser Gesicht zoomen und wenn wir dann ganz stark darauf fokussieren, wird uns immer etwas Schwieriges ein- und auffallen."
Denise Ginzburg-Marku, Psychologin

Schön wäre es natürlich, wenn sich ein Gewöhnungseffekt einstellt. Das heißt, nach der 50. oder 60. Videoschalte freundet man sich einfach mit dem eigenen Aussehen an. Aber das passiert eben nur selten. Denn: "Wenn wir uns durch solch eine 'negative Brille' betrachten, dann können wir uns eben nicht gewöhnen", sagt Denise Ginzburg-Marku.

Tipps gegen zu viel Selbstaufmerksamkeit

Das heißt, es ist sinnvoll unser Verhalten in Videokonferenzen und -chats anzupassen. Und dafür hat Denise Ginzburg-Marku ein paar Tipps:

  • Falls möglich, knipst euer Bild einfach aus. Das ist die einfachste Lösung aber natürlich ist das nicht immer möglich. Und beim privaten Chat vielleicht auch gar nicht gewollt.
  • Es ist sinnvoll, nicht permanent in die Kamera zu schauen.
  • Versucht nicht die ganze Zeit darauf zu achten, wie ihr ausseht oder wirkt. Achtet darauf, was ihr sagt. Was wollt ihr rüberbringen oder erzählen? Was ist für wirklich inhaltlich wichtig in dem Moment?
  • Wenn ihr mehr zuhört statt selbst zu sprechen, lenkt euch ab bevor die Aufmerksamkeit allein auf euch ruht. Ihr könnt schauen, wer witzige Bilder an der Wand hat. Ihr könnt zählen, wie viele blaue oder rote Pullover es gibt. "Lenkt eure Aufmerksamkeit gezielt auf andere Dinge statt auf die eigenen Gedanken, wie man gerade rüberkommt", sagt Denise Ginzburg-Marku.