Ein Leben in der Welt von gestern – das wünscht sich die Mehrheit der 18- bis 34-Jährigen, so das Ergebnis einer Umfrage. Vor etwa einem Jahrzehnt präferierten die meisten dagegen die Zukunft.

Die Serie Stranger Things spielt in den 1980er-Jahren – und hat großen Erfolg. Im Sommer kommt die vierte Staffel raus. Unsere Urlaubsfotos können wir so filtern, dass sie blass, unscharf und grobkörnig aussehen – wie auf alten Fotos, die unsere Großeltern oder Eltern früher im Urlaub gemacht haben. Und auf Partys tanzen wir zu Musik aus den 90ern. Nostalgie hat es schon immer gegeben, aber zur Zeit ist die Sehnsucht nach der Vergangenheit größer als in anderen Jahren.

Eine Umfrage hat ergeben, dass viele Menschen in Deutschland gerne wieder in der Vergangenheit leben würden. Ulrich Reinhardt, wissenschaftlicher Leiter bei der Stiftung für Zukunftsfragen in Hamburg, hat gerade einen Fragenkatalog ausgewertet, den sein Institut seit einigen Jahren immer wieder von Bürgerinnen und Bürgern ausfüllen lässt. Diesmal haben etwas mehr als 2.000 Befragte Antworten geliefert. Bei der Gesamtauswertung aller Altersgruppen konnte er eine Tendenz zur "Guten alten Zeit" feststellen.

"Das Kernergebnis war, dass sich immer mehr Bundesbürger für die Vergangenheit entscheiden würden."
Ulrich Reinhardt, wissenschaftlicher Leiter bei der Stiftung für Zukunftsfragen

Auch 2013 hatten Menschen in Deutschland diese Fragen beantwortet. Damals war das Verhältnis zwischen Vergangenheit und Zukunft aber noch etwas ausgeglichener, sagt Ulrich Reinhardt: "Da haben sich 54 Prozent für die Vergangenheit entschieden, 46 Prozent für die Zukunft. Hingegen sind es jetzt eben schon fast zwei Drittel, die die Vergangenheit glorifizieren und nur noch ein gutes Drittel, das in die Zukunft schaut." Wenn man bei den Antworten nach Altersgruppen sortiert, dann lässt sich grundsätzlich feststellen: Je älter die Befragten waren, desto skeptischer schauen sie auf die Zukunft. Das zeigte sich bei jeder dieser Befragungen.

2013 war die Zukunft ein Sehnsuchtsziel

Und gerade deswegen ist es auffällig, dass sich jetzt bei den unter 34-Jährigen eine starke Veränderung feststellen lässt: Im Jahr 2013 haben sich 30 Prozent der Befragten in die Vergangenheit zurück gewünscht. 2022 sind es nun 56 Prozent – also fast doppelt so viele. Ulrich Reinhardt findet diese Entwicklung besorgniserregend.

"Das ist wirklich etwas, das Anlass zur Sorge gibt."
Ulrich Reinhardt, wissenschaftlicher Leiter bei der Stiftung für Zukunftsfragen

Wenn wir uns in die Vergangenheit wünschen, dann ist das in erster Linie eine Art Selbstschutz. Was früher da war, das kennen wir. Die Zukunft ist dagegen unbekannt – und deswegen eventuell gefährlich.

Positiver Blick in die Zukunft

Vom genauen Gegenteil ist jedoch Ola Rosling überzeugt. Der Schwede ist ein Statistiker und versucht, mit Hilfe von Zahlen und Daten die Menschen davon abzubringen, alles schwarzzumalen. 2020 hat er sich zum Beispiel die 17 Ziele und Bereiche angeschaut, die sich die Vereinten Nationen bis 2030 vorgenommen haben, um die großen Weltprobleme zu lösen – zum Beispiel den Klimawandel, Gesundheit, Bildung, Armut und Hunger, Flucht und Migration. Und er hat festgestellt: Es gibt zwar ein paar Rückschlage und manche Ziele sind noch weit entfernt, aber es gibt auch Positives zu vermelden.

"Here are some good news. We have a world record in electrification."
Ola Rosling, Statistiker

Zum Beispiel in Sachen Elektrizität: Obwohl die Weltbevölkerung immer weiter wächst, konnte der Zugang zur Elektrizität für sehr viele Regionen verbessert werden. Und das hat wieder Folgen: Wenn Kinder nun etwa abends das Licht einschalten können, dann können sie Lesen lernen, Ausbildungen abschließen und sich und ihre Familien aus der Armut befreien.

Fortschritte in der Geburtshilfe

Oder medizinische Hilfe bei der Geburt: 81 Prozent der Mütter haben die Unterstützung von einer Hebamme oder ähnlichem Personal. Das sind fast 20 Prozent mehr als vor 20 Jahren. Es gebe also durchaus Fortschritte, meint Rosling. Und auch der Zukunftsforscher Ulrich Reinhardt ist davon überzeugt, dass die "gute alte Zeit" zwar eine Art Sehnsuchtsort für Menschen ist, die sich persönlich mehr Sicherheit und Geborgenheit wünschen, dass es der Menschheit in der Zukunft allerdings besser gehen wird als heute.

"Das verspreche ich Ihnen! Also Hand aufs Herz – in der Zukunft wird alles besser als in der Vergangenheit."
Ulrich Reinhardt, wissenschaftlicher Leiter bei der Stiftung für Zukunftsfragen