Nigerianische Prostituierte, die von Schlepperbanden nach Italien gebracht werden - gerade in jüngster Zeit hat die Zahl der betroffenen Frauen noch mal deutlich zugenommen.

2014 kamen laut der Internationalen Organisation für Migration rund 1400 Frauen nach Italien, 2016 waren es bereits 11 000. Fachleute schätzen, dass sich ein Großteil von ihnen prostituieren muss. Deutschlandfunk-Nova-Reporterin Katja Scherer war in Nigeria und hat mit Politikern und internationalen Hilfsorganisationen über das Problem gesprochen. 

Eine Flucht ins Ungewisse

Viele Frauen, die in Italien zur Prostitution gezwungen werden, stammen aus dem Bundesstaat Edo State im Südwesten von Nigeria. In der Region gibt es wenige Jobs und viele Menschen, die am Menschenhandel mitverdienen – zum Beispiel, indem sie Kontakte vermitteln zwischen Menschenhändlern und jungen Menschen.

"Für die Flucht müssen sich die Frauen bei ihren Schleppern hoch verschulden und werden dann zur Prostitution gezwungen, um sich freizukaufen."
Katja Scherer, Deutschlandfunk Nova

Die Schlepper bringen die Frauen in der Regel zuerst nach Libyen, wo sie oft auch schon sehr schlecht behandelt und teils vergewaltigt werden. Von dort geht es weiter übers Mittelmeer nach Italien – eine der gefährlichsten Seerouten überhaupt. 

Es gibt manche Familien, die ihre Töchter regelrecht verkaufen, beschreibt die nigerianische Sozialpädagogin Mary Dorothy Ezeh in ihrem Buch "Menschenhandel und Prostitution von Mädchen und Frauen in Edo State". Viele junge Frauen wissen aber zumindest in Teilen, wie ihr Leben in Europa aussehen wird und gehen trotzdem.

Sicherheit, Strom, sauberes Wasser

Die Nigerianerinnen wissen also, dass sie es in Europa nicht leicht haben, aber wir haben Sicherheit, Strom und sauberes Wasser und das ist schon mehr als vielerorts in Nigeria. "I like to go to Europe. Here in Nigeria we do not get peace. Thats why I like Europe more than our country Nigeria.", erzählt die 25-jährige Precious, die in der nigerianischen Hauptstadt Abuja lebt.

"Wenn die Frauen in Europa merken, wie schlimm es wirklich ist, können sie oft nicht zurück, weil sie vor ihrer Abreise mithilfe eines sogenannten Juju-Schwurs gefügig gemacht wurden."
Katja Scherer, Deutschlandfunk Nova

Beim Juju-Schwur übergeben die Frauen in einer Art religiösen Zeremonie Haare oder Fingernägel an einen Juju-Priester und versprechen ihre Schulden zurückzuzahlen. Später haben sie Angst, ihr Versprechen zu brechen. Das heißt, es gibt wenige Rückkehrer, die erzählen, wie schrecklich es wirklich für sie in Europa war. Und mache kommen zurück und haben durch die Prostitution wirklich vergleichsweise viel verdient.

Nigeria
© Deutschlandfunk Nova | Michael Stürzenhofecker
Uche Chuta, Politiker in Nigeria
"The excitement of having so much money and power is much much bigger than all the disadvantages. They say‚ I know this person, who went and succeeded. Maybe I can do the same'."
Uche Chuta, Politiker in Nigeria

Staatlichen Angaben zufolge wurden zwischen November und Januar 13.000 Nigerianer aus Libyen gerettet, auch dort müssen nämlich Nigerianer und Nigerianerinnen unter menschenunwürdigen Bedingungen arbeiten. Die Landesregierung von Edo State hat kürzlich den Juju-Fluch für ungültig erklärt. Für den Jungpolitiker Chuta ist das allerdings nicht genug: "That sounds so ridiculus, so backwards". 

Um die Strukturen dauerhaft zu zerschlagen, müssten Jobperspektiven vor Ort geschaffen werden. Die Internationale Organisation für Migration bildet zum Beispiel Rückkehrer in Trainingsprogramme zu Schneidern, Farmern oder Friseuren aus. Aber mit solchen Jobs ist es in Nigeria schwierig, eine Familie zu ernähren. Um das Problem nachhaltig zu bekämpfen, bräuchte es also einen generellen wirtschaftlichen Aufschwung – und das ist ein sehr komplexes Problem.

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