Die Wartezeiten für einen Therapieplatz sind lang. Oft zu lang, wenn Betroffene akute Probleme haben. Hier setzt die App "Invirto" an: Seit zwei Jahren können sich Patientinnen und Patienten hier mit ihren Angststörungen konfrontieren. Jetzt ist das Start-up hinter der App für den Deutschen Gründerpreis nominiert.

Das Herz rast, der Hals schnürt sich zu und die Atemnot wird immer akuter. So erging es Sara vor einigen Jahren, als sie in einem Supermarkt einkaufen wollte. Sara war mitten in einer Panikattacke. Danach ist sie für Wochen zu Hause geblieben. Die Angst war zu groß, draußen noch einmal eine ähnliche Situation zu erleben.

Hilfe per App

Menschenmengen in Geschäften, Cafés oder der Fußgängerzone meidet sie. Der Gedanke, nach einem Therapieplatz oder einer Klinik zu suchen, bedeutete für sie Überforderung.

Vor etwa einem Jahr hat Sara deshalb eine digitale Angsttherapie angefangen. Über die App "Invirto" lernt sie mithilfe von Erklärvideos und Videotelefonaten mit einem Psychotherapeuten beziehungsweise einer Psychotherapeutin mit ihrer Angststörung umzugehen. Die App hat das Start-up "Sympatient" zusammen mit dem Universitätsklinikum Schleswig-Holstein entwickelt.

Mit einer Virtual-Reality-Brille der Angst begegnen

Teil der digitalen Angsttherapie ist es, dass sich Patientinnen wie Sara aktiv auch in Situationen begeben, die sie mit Stress und Angstgedanken konfrontieren. Bei der Therapie geht das mit Virtual-Reality-Brillen. Über die Brille ist Sara dann mit dem Auto im dichten Verkehr unterwegs, läuft durch einen Supermarkt voller Menschen oder sitzt im Flugzeug, das mit Turbulenzen kämpft.

Auch Psychotherapeutinnen wird empfohlen, diese Methode in der Behandlung von Patienten anzuwenden. Das heißt: Sie sollen ihre Patienten vor Ort dabei begleiten, wenn die sich ihrer Angst stellen und mit ihnen zum Beispiel in einen vollen Supermarkt gehen. Studien zeigen, dass diese sogenannten Expositionen am besten helfen, um Angststörungen zu überwinden.

Im Praxisalltag wendet nur etwa rund die Hälfte der Verhaltenstherapeuten die Methode an, sagt Neurowissenschaftler und Mitentwickler von "Invirto" Julian Angern. Oft reiche die Zeit dafür nicht aus. Das Therapie-System komme schon jetzt an seine Grenzen, was unter anderem an den langen Wartezeiten für einen Therapieplatz deutlich werde.

"Der Therapeut oder die Therapeutin müsste mit dem Patienten oder der Patientin wirklich rausgehen und diese Therapie vor Ort zum Beispiel in einem Supermarkt machen. Das ist enorm aufwendig und braucht sehr viel Kapazität."
Jukian Angern, Neurowissenschaftler und Mitentwickler der App "Invirto"

Digitale Angsttherapie mit VR-Brille

Hier ist die VR-Brille der digitalen Angsttherapie eine Alternative. Sara hat damit zum Beispiel gelernt, wie sie mit ihrem Atem arbeiten kann, damit sie eine Panikattacke umgeht.

Dank der Übungen mit der VR-Brille kommt sie heute besser mit ihrer Angststörung klar, sagt sie. Fühlt sie sich gut, kann sie mittlerweile entspannt für mehrere Stunden im Park sitzen oder draußen spazieren gehen. Das sei ein großer Fortschritt für sie. Situationen mit großen Menschenmengen meidet sie aber weiter.

"Wie atme ich anders, dass das Herz nicht rast oder ich nicht das Gefühl habe, ich bekomme Atemnot? Durch die VR-Brille hatte ich einen Aha-Moment und konnte die Theorie in die Praxis umsetzen."
Sara macht wegen ihrer Angststörung eine digitale Therapie

Für Betroffene, denen es schwerfällt, sich eigenständig zu motivieren oder die sich bei einem persönlichen Gespräch wohler fühlen, ohne auf einen Bildschirm zu schauen, empfiehlt sich eher eine klassische Therapie in einer physischen Praxis.

Die App hat allerdings den Vorteil, innerhalb weniger Tage mit der Therapie starten zu können. Das kann gerade bei akuten Problemen helfen und monatelange Wartezeiten auf einen Platz vermeiden, sagt Julian Angern. Wie zum Beispiel in der aktuellen Phase der Pandemie: Der schnelle Wechsel von geschlossenen Innenstädten hin zu geöffneten Geschäfte, Cafés oder Kultureinrichtungen könne Betroffene von Angststörungen überfordern.

Eine App auf Rezept

Die App gibt es auf Rezept. Alle Ärztinnen und Psychotherapeuten können die Rezepte dafür ausstellen. Neben Angststörungen und Panikattacken soll sie auch bei Platzangst und sozialen Phobien helfen. Nachdem es die App seit zwei Jahren gibt, ist das Start-up jetzt für den Deutschen Gründerpreis nominiert.