Westwards. Mit dem Nachnamen war die Richtung für ihre Solo-Radreise von Anfang an klar: Anne radelte 18 Monate lang von Ost nach West - von der Mongolei bis nach Indien, von Kirgisien bis zum Kaspischen Meer. Auch durch den Iran und den Oman führte ihre Bike-Tour.

Tagelang hat sie keine Menschen gesehen - und das war ihr ganz recht. Denn Anne Westwards wollte auf ihrer Radreise vor allem eines: Sich Zeit nehmen für den Moment. Die Natur genießen. Und das würde allein am besten funktionieren, dachte sie. "Zusammen radeln ist nicht mein Ding", sagt Anne Westwards. Also flog sie im September 2015 los, nach Kirgistan, wo ihre Solo-Bike-Tour entlang der Seidenstraße startete.

"Andere Menschen machen Yoga, gehen meditieren. Das mache ich in Berlin auch. Wenn man aber auf dem Fahrrad ist, in dieser Weite, dann kommen irgendwann keine Gedanken mehr."
Anne Westwards

Zur Ruhe kommen

Die Zeit allein mit ihrem Fahrrad "Emily" hat Anne Westwards sehr genossen. Die Ruhe und die Weite der Landschaft - und dass auch der innere Monolog irgendwann zur Ruhe kommt. Das sei fast ähnlich wie beim Meditieren. "Das Bedürfnis zu Sprechen nimmt auch wirklich ab."

Vorher war sie noch nie so lange allein unterwegs gewesen oder in der Wildnis zelten. "Aber ich habe mich nicht einsam gefühlt oder jemanden vermisst", erzählt sie.

Zelt in einer Steppe
Annes Zuhause für eineinhalb Jahre: Ein Zelt.

Ihre Tour war für sie eine große Herausforderung: Zum einen, weil sie bis dahin eigentlich keine Ahnung von Fahrrädern hatte, wie sie sagt. Zum anderen, weil sie immer dafür sorgen musste, genügend Wasser und Lebensmittel zu haben. Wo kann ich einkaufen? Wo gibt es Quellen? Solche Fragen klärte sie vor jedem neuen Abschnitt.

Wasser für sechs Tage im Gepäck

Ihre Wasserplanung ging aber nicht immer auf: Für eine Strecke in der Mongolei hatte sie knapp 20 Liter Wasser im Gepäck. Doch der Boden war sandig, sie kam kaum voran. Statt der sechs geplanten Tage brauchte Anne Westwards sieben. "Ich muss jetzt mein Wasser rationieren bis zu einem Punkt, wo es wirklich schmerzhaft wird", sagte sie sich. Mit strenger Selbstdisziplin schaffte sie es bis zum Ziel.

Zum Schlafen und Essen bei Familien

Als alleinreisende Frau hat Anne nicht nur gute Erfahrungen gemacht. Es gab auch unschöne Situationen, erzählt sie - im Iran oder der Mongolei ist sie belästigt worden. Doch im Großen und Ganzen fühlte sie sich sicher und war von der unglaublichen Gastfreundschaft der Menschen überrascht.

"Wenn die einen Menschen sehen, der alleine in das Dorf rein radelt - da wird man quasi von der Straße weg adoptiert."
Anne Westwards

Sie sei sehr oft eingeladen worden - zum Essen und zum Übernachten. In vielen Dörfern wurde sie quasi von der Straße weg "adoptiert", sagt sie. In den zwei Monaten, in denen sie im Iran unterwegs war, habe sie beispielsweise nur zwei Mal gezeltet. Sicher liegt das auch daran, dass sie eben eine Frau ist: "Vor einer Frau alleine hat keiner Angst."

"Ich habe nicht bedacht, wie schwierig es psychologisch für mich sein würde, Hijab tragen zu müssen."
Anne Westwards

Im Iran war es Anne Westwards allerdings zu anstrengend als Frau. Mit dem Hijab auf dem Rad - das sei keine gute Lösung. "Ich dachte ich ersticke", sagt sie. Sie habe mit der Kopfbedeckung kaum Luft bekommen. Also trifft sie in der Wüste eine Entscheidung: Sie verkleidet sich streckenweise als Mann.

Aus Anne wird im Iran ein Mann

Anne Westwards ist groß, ihre Haare waren kurz geschnitten. Und weil es Winter war, steckte sie eh in vielen Klamotten. "Ich sah aus wie ein kleiner Bär", meint sie. Und die Verkleidung funktionierte, sie kam gut voran. "Kam ich zu Dörfern, wo ich wusste, ich möchte anhalten, habe ich vorher wieder meine Identität gewechselt."

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