Bevor in England eine umstrittene Schnellzug-Stecke gebaut wird, dürfen Archäologen rund um die 240-Kilometer-Route Ausgrabungen machen. Es ist ein Mammut-Projekt mit über 60 Stätten und mehr als 1.000 Beteiligten. Seit zwei Monaten laufen die Arbeiten, und die ersten Funde sind beeindruckend.

In Großbritannien wird bald eine Schnellzug-Strecke namens „High Speed 2“, kurz "HS2", gebaut, die London und Birmingham direkt verbinden soll. Die Route ist knapp 240 Kilometer lang. Es ist eine der größten Baustellen, die es auf der Insel je gegeben hat.

Die Unternehmung wird vom Großteil der Bevölkerung nicht unterstützt, denn viele Grundstücke und Grünflächen müssen für den Bau geteilt oder sogar komplett aufgerissen werden. Manche Demonstranten ketten sich sogar an Bäume.

Zwei Demonstrantinnen protestieren am Londoner Stadtrand gegen die Schnellzugstrecke in Großbritannien im Februar 2018
© imago/ZUMA Press/Velar Grant
Zwei Demonstrantinnen protestieren mit einer Besetzung am Stadtrand gegen den Bau der "HS2"-Strecke, die unter anderem durch einen großen Naturpark führen soll.

Für britische Archäologen sind diese Baumaßnahmen aber ein echter Glücksfall: Vor dem eigentlichen Baustart dürfen sie entlang der Strecke graben. Da Großbritannien dicht besiedelt ist und Ausgrabungen besonders in Städten normalerweise unmöglich sind, bietet das den Forschern eine einmalige Chance.

Das Projekt wird schon seit langer Zeit geplant: Seit Jahren scannen Forscher die Erde, um genau zu wissen, wo sich Ausgrabungen lohnen könnten. 

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"Wir erwarten, dass es die größte Ausgrabung in Großbritannien ist, und auch in Europa. Es ist ganz sicher das größte Ausgrabungsprojekt, das jemals im Vereinigten Königreich stattgefunden hat."
Helen Wass, leitende Archäologin

Seit zwei Monaten sind die Archäologen nun schon am Graben, und zwar an 60 verschiedenen Stellen entlang der Strecke. Die Forscher haben bereits erste Ergebnisse vorgestellt - unter anderem wurde schon eine Siedlung aus der Eisenzeit und von Jägern und Sammlern außerhalb von London freigelegt.

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Forscher finden auch viele frühzeitliche Überreste von Pferden und Rentieren, aber auch von Menschen, die zwischen 11.000 und 8.000 vor Christus gelebt haben. Spannend sind auch gegenwartsnähere Artefakte, wie etwa Zeitkapseln, die offenbar in der viktorianischen Zeit eingegraben wurden.

Eine ausgegrabene Zeitkapsel aus dem viktorianischen Zeitalter in London
© HS2/Mola Headland Infrastructure
Eine ausgegrabene Zeitkapsel aus dem viktorianischen Zeitalter in London

Eine weitere Ausgrabung wird für „Game of Thrones“-Fans faszinierend sein: Die Spezialisten erkunden zurzeit ein Schlachtfeld in der Nähe von Northamptonshire, wo ein Teil der englischen Rosenkriege im 15. Jahrhundert ausgetragen wurde – darauf sollen die Buchvorlagen George R. R. Martins für die Serie lose basieren.

"Es ist für jeden was dabei, weil die komplette zeitliche Spannbreite der britischen Geschichte abgedeckt wird"
Sandra Pfister, Deutschlandfunk-Nova-Korrespondentin in London

Generell finden die Archäologen sehr viele menschliche Überreste, weil zum Beispiel bei Schlachtfeldern die Gefallenen oft direkt vor Ort begraben wurden. Bei laufenden Ausgrabungen auf einem Londoner Friedhof, der seit dem 17. Jahrhundert existiert, vermuten die Forscher etwa 61.000 Skelette.

Für die Chef-Archäologin Helen Wass sind die Funde aus der viktorianischen Zeit auf dem Friedhof in der Hauptstadt die eindrucksvollsten. Aus dieser Periode sind viele Artefakte noch sehr gut erhalten.

"Wir finden sehr viel über die Londoner Bewohner aus dem 19. Jahrhundert heraus, einer Zeit voller sozialer und wirtschaftlicher Veränderungen. Wir finden Männer, Frauen und Kinder, reiche und arme Menschen und auch einige persönliche Gegenstände wie Haarbürsten und Tabakpfeifen."
Helen Wass, leitende Archäologin

Die Wissenschaftler benötigen zudem Unterstützung der Einheimischen: Die Spezialisten bitten die Bewohner um Hilfe, um zu zum Beispiel in lokalen Archiven nachzuschauen, ob die gefundenen Knochen bestimmten Vorfahren zugeordnet werden könnten.

Im Laufe der Zeit sollen auch Pop-Up-Museen aufgestellt zu werden, um den Bürgern zu zeigen, was gefunden wurde. Das wird von vielen jedoch als Image-Kampagne gegen die Proteste empfunden.

Zukunft des Projekts wegen Brexit in Gefahr

Mehr als 1.000 Archäologen, Knochenforscher und weitere Wissenschaftler dürfen noch bis 2020 die Baustätten untersuchen. Für das Berufsfeld ist das eine riesige Arbeitsbeschaffungsmaßnahme. Auch viele neue technische Geräte können auf der Ausgrabungsstätte erstmals angewendet werden. Zudem wollen die Forscher mit der Arbeit inspirieren.

„Wir können hier anfangen, die nächste Generation von jungen Archäologen auszubilden. Und wir können hoffentlich Menschen dafür begeistern, Archäologie zu studieren und den Beruf in Betracht zu ziehen.“
Helen Wass, leitende Archäologin

Zurzeit gibt es in Großbritannien nämlich nicht genug Archäologen, sodass viele Fachkräfte aus dem europäischen Ausland eingestellt werden müssen.

"Das ist in Vor-Brexit-Zeiten ein europäisches Projekt", erklärt Deutschlandfunk-Nova-Reporterin Sandra Pfister. Was aber nach dem EU-Austritt der Insel passiert, ist noch nicht klar, insbesondere falls der harte Brexit eintritt. Ohne europäische Unterstützung  wird das Team es nämlich laut Prognosen des Ausschusses der britischen Archäologen nicht schaffen, alle geplanten Ausgrabungen bis zum Beginn der Bauarbeiten zu meistern.

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