Lange Zeit hörte man nicht viel von schwimmenden Kernkraftwerken, doch dann begannen die Russen mit dem Bau der Akademik Lomonossow. Nun ist es bald so weit. Das schwimmende AKW wird im August mit Schleppern von Murmansk an seinen Zielort gebracht – in die Hafenstadt Pevek ganz im Nordosten Sibiriens,

Die Akademik Lomonossow ist rund 150 Meter lang und 30 Meter breit und in ihrem Rumpf stecken zwei Reaktoren – mit ähnlichen Reaktoren werden auch Eisbrecher oder U-Boote angetrieben. Für das schwimmende AKW wurden die Reaktoren modifiziert, sie bringen es zu einer elektrischen Leistung von 35 Megawatt (MW). Das Ganze ist eine Barke, hat also keinen eigenen Antrieb und muss geschleppt werden.

Beide Reaktoren sind inzwischen angefahren und getestet worden. Der Betreiber Rosenergatom hat von der Aufsichtsbehörde die Lizenz für den Betrieb erhalten – für zehn Jahre, also bis 2029 ist sie nun gültig. Ab Dezember soll die Akademik Lomonosov in Pevel, einer 100.000 Einwohner-Stadt auf der Tschuktschen-Halbinsel in der Arktis, den kommerziellen Betrieb aufnehmen. In Pevek wird jetzt noch die Infrastruktur im Hafen fertiggestellt, über die das schwimmende Kraftwerk dann mit dem städtischen Strom- und Wärmenetz verbunden sein wird. Wenn alles läuft, sollen dann rund 200.000 Menschen über das Schiff mit Energie versorgt werden.

Auch die Brennelemente werden an Bord gelagert

Alles spielt sich an Bord ab: Im Schiffsrumpf sind beispielsweise die Dampferzeuger untergebracht und alles, was man fürs Be-, Ent- und Umladen der Brennelemente braucht. Im Nasslager kühlt unter anderem das Meer über Wärmetauscher die Brennelemente, und im Trockenlager werden sie nach der Abklingzeit im Nassbecken in Lagerbehältern untergebracht. Alle drei Jahre sollen die Brennelemente gewechselt werden, alle zwölf Jahre soll die Akademik Lomonossow dann zu Wartungsarbeiten zur Werft gebracht werden, wo dann auch die gebrauchten Brennelemente entladen werden.

An Bord befinden sich auch sämtliche Anlagen für die Stromlieferung zur Anschlussstelle an Land, die Mannschaftsquartiere, Kantinen und Freizeiträume. Insgesamt 342 Personen werden im Schichtbetrieb rund um die Uhr arbeiten.

"Es ist alles sehr optimistisch gerechnet und sehr optimistisch gesehen. Es hat auch mit diesen Reaktoren auf Atomeisbrechern Probleme gegeben."
Dagmar Röhrlich, Wissenschaftsjournalistin

Die Idee stammt aus den 1950er Jahren: Schwimmende Kernkraftwerke sollten entlang von Flüssen oder anderen Gewässern entlegene Ortschaften mit Energie versorgen. Die US-Armee verwirklichte diese Pläne dann auch. Zwischen 1968 und 1976 erzeugte die Sturgis am Panama-Kanal Strom, bis das Militärkommando darum bat, das Schiff abzuziehen, weil man zu Beginn der Verhandlungen zwischen den USA und Panama über den Status des Kanals gewalttätige Auseinandersetzungen fürchtete. Jetzt hat Russland die Idee wieder aufgegriffen, um entlegene Orte in Sibirien mit Energie zu versorgen.

Weil das AKW schwimmt, muss das Schiff besonders widerstandsfähig sein. Es hat einen doppelwandigen Rumpf, wurde aus Stahl gebaut, dem die niedrigen Temperaturen in der Arktis nichts ausmachen – und das Schiff ist speziell verstärkt worden, damit es auch durch Eis geschleppt werden kann.

Angeblich soll bei einer Kernschmelze nichts in die Umwelt gelangen

Was die Reaktorsicherheit angeht, hieß es bei einer Vorstellung des Konzepts bei der Internationalen Atom-Energie-Behörde (IAEA), dass die Anlage mit sehr großen Sicherheitsspielräumen gebaut worden sei und sowohl Tsunamis überstehe, als auch Erdbeben der Stärke zehn (das stärkste bislang gemessene war das Valdivia-Beben von 1960 mit einer Stärke von 9,5). Selbst bei einem totalen Black-out oder einer Kernschmelze soll nichts in die Umwelt gelangen. Die Kernschmelze werde vom Reaktordruckbehälter aufgefangen und die Hitze durch passive Kühlsysteme abgeführt. Evakuiert werden müsse im Ernstfall niemand. Notfallpläne brauche man nur für den Umkreis von einem Kilometer um die Barke.

Umweltschützer sehen das anders. Sie sind skeptisch bezüglich des Arguments, dass keine Radioaktivität in die Umwelt austreten kann. Zwar sind die Reaktoren vergleichsweise klein und deshalb sollte es bei einem schweren Störfall einfacher sein, die Wärmemengen abzuführen als bei einem großen Reaktor. Doch gibt es keine robuste Schutzhülle.

"Wenn das Schiff bei einem Tsunami aufs Land geschleudert wird, dann ist das Meer nicht mehr da als Notkühlung."
Dagmar Röhrlich, Wissenschaftsjournalistin

Kritiker finden es auch problematisch, dass die Brennelemente an Bord aufbewahrt werden, sodass im Ernstfall große Mengen an Radionukliden freigesetzt werden könnten. Und im schlimmsten Szenario eines Tsunamis, so fürchten Umweltschützer, könnte die gesamte Anlage ins Landesinnere geschleudert werden. Dort wäre sie dann – selbst, wenn der Reaktor und die Brennelementlager heil blieben – weit weg vom Meer, ihrer Quelle für Notkühlmittel. Die Vorräte an Bord reichen nämlich nur für 24 Stunden. Und weil die Region sehr abgelegen liegt, kann niemand schnell zur Hilfe kommen.

Auch China plant Reaktorschiffe

Weitere Reaktorschiffe sind geplant, dafür werden bereits 50-MW-Reaktoren entwickelt – sie sollen dann auch billiger sein, denn der Preis der Akademik Lomonossow war mit rund 480 Millionen Dollar sehr hoch. Man wirbt damit, dass der Bau eines solchen schwimmenden und sozusagen von der Stange hergestellten Kernkraftwerks nur vier Jahre dauere – im Gegensatz zu einem oder gar zwei Jahrzehnten bei einem konventionellen Kraftwerk.

Nicht nur in Russland gibt es Pläne für schwimmende Kernkraftwerke. Zwei staatlich unterstützte Unternehmen in China sollen Pläne für mindestens 20 schwimmende Kernkraftwerke verfolgen, auch amerikanische sowie kanadische Unternehmen verfolgen eigene Pläne.