Der ehemalige Bundestagspräsident spricht von einer neuen, kulturellen Spaltung der Gesellschaft: Wer Weltoffenheit nicht leben könne, reagiere mit dem Wunsch nach Abschottung und einem starken, ihn schützenden Nationalstaat.

Auf der einen Seite beschwören die Heimatverbundenen die Region, aus der sie kommen, die sie kennen und lieben. Auf der anderen Seite stünden die Kosmopolitisch-Urbanen, die das Glück der Welt in der Globalisierung sehen. So die Darstellung von Wolfgang Thierse.

Seiner Meinung nach ist Deutschland jedoch schon seit langer Zeit ein typisches Einwanderungsland, in dem es nun darauf ankomme, Heimische und Fremde zueinander zu bringen.

"Die zu uns Gekommenen sollen heimisch werden in einem fremden Land. Und den Einheimischen soll das eigene Land nicht fremd werden."
Wolfgang Thierse, Kulturwissenschaftler und Politiker

Diese Anstrengung werde dauerhaft zu einer pluralistischen und widersprüchlichen Republik führen. Deutschland stecke wegen seiner gespaltenen Gesellschaft voller Konfliktpotenziale und müsse diese überwinden lernen.

Das ist nicht unmöglich, führt Thierse aus. Schließlich sei es auch gelungen, die Vertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg und viele Geflüchtete zu integrieren. Allerdings habe das etwa drei Jahrzehnte gebraucht. Und mindestens diese Zeit solle man sich auch diesmal nehmen, denn die unterschiedlichen Lebensweisen ließen sich nicht schneller aufeinander abstimmen.

Wolfgang Thierse war von 1998 bis 2005 Präsident des Deutschen Bundestages und ist Mitglied der SPD. Er hat Germanistik und Kulturwissenschaften studiert und promoviert. Am 26.8.2019 sprach er auf der Berliner Sommeruni zu dem Thema "Darf Heimat eine Aufgabe für Politik sein?".

Veranstalter waren die Berliner Akademie für weiterbildende Studien gemeinsam mit der Universität der Künste. Jedes Jahr in der Sommerzeit steht die traditionsreiche Veranstaltung eine Woche lang unter einem bestimmten Motto, diesmal hieß es: "Kultureller Austausch und Heimat - Was Künste zu Identitäten beitragen." (Dazu gibt es einen weiteren Hörsaal: Regionale Küche: Diskursbeitrag zur Ernährung der Zukunft)