Betrüger, Hochstaplerinnen, Lügner – immer wieder gibt es Menschen, die andere im großen Stil an der Nase herumführen. Sie lügen, zocken und blenden oft jahrelang. Warum und wie tun sie das? Und wie können wir ihnen auf die Schliche kommen? Die Kriminalpsychologin Lydia Benecke über die Psychologie der Manipulation.

Bestimmt erinnert ihr euch an den Wirecard-Skandal, bei dem sich viele von uns gefragt haben: Wie kann es sein, dass es diesen Typen gelungen ist, so viele Menschen so lange so erfolgreich zu täuschen? Und wie muss man psychisch ausgestattet sein, um so was durchzuziehen?

Solche Fragen treiben auch Lydia Benecke um. Die Kriminalpsychologin erforscht sozusagen die dunkle Seite in uns. Hauptberuflich therapiert sie Sexual- und Gewaltstraftäter. Seit Jahren beschäftigt sie sich mit der Frage, welche psychologischen Erklärungsmodelle es für Verhaltensweisen gibt, die andere Menschen schädigen. Im Moment interessiert sie besonders, wie Manipulation funktioniert.

"Bei sehr vielen Straftaten ist ein wichtiger Aspekt, dass die Täter nicht von sich denken, dass sie ein böser Mensch seien oder es so auch nicht sehen möchten. Sehr viele Täter haben Kognitive Verzerrungen, um sich selbst zu rechtfertigen."
Lydia Benecke, Kriminalpsychologin

Eine wichtiger Aspekt ist, so die Psychologin, wie die Täter und Täterinnen sich selbst sehen – oder eben auch nicht. Die sogenannte Kognitive Verzerrung spiele dabei eine große Rolle. Sie helfe ihnen, sich vor sich selbst zu rechtfertigen und sich glauben zu machen, dass ihre Taten eigentlich nicht so schlimm seien.

Kognitive Verzerrung hebelt Unrechtsgefühl aus

Bei Hochstaplern oder Betrügern wäre beispielsweise eine typische kognitive Verzerrung, die Schuld zu verschieben: Andere hätten das prüfen können, die richtigen Fragen stellen können. Naivität wird zugeschrieben und anderen eine Mitschuld zugesprochen, wenn diese betrogen und belogen werden.

Gute Betrüger oder Manipulatoren brauchen aber auch noch etwas anderes, erklärt Lydia Benecke: Sie sollten glauben, dass sie schlauer sind als alle anderen und alles gut hinkriegen und so selbstbewusst auftreten. Gleichzeitig sollten sie möglichst wenig Angst haben, erwischt zu werden.

"Gute Lügner und Manipulatoren sollten eine Mischung aufweisen aus ein bisschen größenwahnsinnig und möglichst wenig ängstlich – plakativ gesagt."
Lydia Benecke, Kriminalpsychologin

Wenn Betrügerinnen und Lügner von sich selbst aber überzeugt sind, macht es das auch schwerer, sie zu überführen. "Diese ganzen Theorien und Bücher darüber, wie du Lügner erkennen kannst, sind sehr unterhaltsam – und wissenschaftlich einfach nicht haltbar", sagt die Kriminalpsychologin.

Lügenforschung liegt oft falsch

In der Lügenforschung gebe es viele Fehlannahmen. Eine weit verbreitete sei zum Beispiel, dass man anhand von menschlicher Mikromimik Lügen erkennen könne. Mittlerweile sei nachgewiesen, dass das nicht funktioniere. Unter anderem, weil nicht alle Menschen beim Lügen gleich stark oder die gleichen Signale sendeten.

"Lügendetektoren sind wissenschaftlich gesehen Humbug."
Lydia Benecke, Kriminalpsychologin

Aus dem gleichen Grund, so Lydia Benecke, funktionieren auch Lügendetektoren nicht: Die messen nämlich Stressignale. Wer von sich überzeugt ist, sendet aber vielleicht gar keine. Umgekehrt könnten zu Unrecht Verdächtigte aber Stressignale aussenden. Und schließlich gebe es auch einen Haufen Tricks, solche Detektoren zu überlisten – im richtigen Moment die Pobacken zusammenkneifen, zum Beispiel.

Bauchgefühl feit nicht vor Betrug

Technik hilft also nicht. Und das gute alte Bauchgefühl? Auf keinen Fall, warnt die Psychologin. Die Lügenforschung habe uns doch auch Sinnvolles mitgegeben – unter anderem nämlich die Erkenntnis, dass Menschen beim Lügen weniger erwischt werden, wenn sie sehr selbstsicher auftreten. Die Selbstsicherheit trickse das Bauchgefühl aber aus. Die Wissenschaft habe gezeigt, dass das Bauchgefühl eine wahnsinnig große Fehlerquelle ist.

"Ich sage immer: Hören Sie nicht auf Ihr Bauchgefühl!"
Lydia Benecke, Kriminalpsychologin

Manipulatoren machten sich genau das zunutze, so die Kriminalpsychologin. Denn: Wenn jemand es schaffe, bei uns Sympathie oder Vertrauen zu erzeugen, dann sei es völlig egal, ob seine Lügen inhaltlich brillant oder schwach seien, weil wir sie gar nicht mehr intensiv prüfen würden. Wegen des guten Bauchgefühls eben.

"Wirklich gute Lügner müssen vor allem gute Emotions-Manipulatoren sein."
Lydia Benecke, Kriminalpsychologin

Aber auch die Psyche der Betrogenen hilft beim Betrug mit, erklärt Lydia Benecke: Wenn wir jemanden sympathisch finden, dann neigen wir dazu, möglicherweise zweifelhafte Aussagen so zu interpretieren, dass sie wieder in unser Bild passen und unsere positive Vorannahme unbewusst bestätigen, sagt sie. Bestätigungsfehler nennt sie dieses Phänomen. Ihr Rat: Wir müssen immer hinterfragen, auch – oder gerade – wenn wir jemanden sympathisch finden.

"Du musst, auch wenn du jemanden sympathisch findest, immer wieder versuchen, deine Ratio zu nutzen und dich trotz der Sympathie fragen, ob das auch alles so stimmt."
Lydia Benecke, Kriminalpsychologin

Das ist problematisch, räumt sie ein, denn übertreiben dürfe man auch nicht: "Wenn du bei jeder Person die ganze Zeit alles hinterfragt, dann würdest du total misstrauisch sein, könntest gar keine Beziehung mehr führen." Ein gesundes Maß wäre also auch beim Hinterfragen wichtig.

"Das Schweigen von Menschen, die so etwas mitbekommen, ist ein Teil des Problems."
Lydia Benecke, Kriminalpsychologin, über das Schweigen von Opfern und Beobachtenden

Was Betrügern, Lügnern und Hochstaplern auch hilft: wenn die Opfer schweigen – sei es aus Angst, Scham oder Bequemlichkeit. Denn wenn mehr Menschen wüssten, wie Manipulationen funktionieren, dann wären sie auch besser davor geschützt, glaubt Lydia Benecke. Mit ihrem neuen Buch "Betrüger, Hochstapler, Blender – Die Psychologie der Manipulation" will sie dazu beitragen, sagt sie. Hier sammelt sie viele verschiedene Fälle und erklärt die Psychologie dahinter. Im März soll es erscheinen.

Im Interview mit Sebastian Sonntag berichtet Lydia Benecke auch, wie es ist, mit Schwerststraftätern zu arbeiten und was ihre Arbeit überhaupt erreichen kann. Außerdem verrät sie, wie sie zu ihrem Job gekommen ist. Unter anderem. Klickt auf Play, um das ganze Gespräch zu hören und auch um bei unseren "Geschichten vom Pferd mitzuraten".