Wilder Osten: Viehdiebe treiben in Brandenburg ihr Unwesen und stehlen Kühe, Kälber und Zuchtbullen. Weil sie sich gut auskennen und die Weiden sehr abgelegen liegen, können sie in aller Ruhe zuschlagen.  

Drei Mal haben die Rinderdiebe bei Volker Naschke schon zugeschlagen und insgesamt 27 Kälber und Jungrinder gestohlen. Laut Versicherung ist jedes davon etwa 1300 Euro wert. Mit seiner Frau hat Volker Naschke nach der Wende im südlichen Brandenburg eine Rinderzucht aufgebaut. Rund 300 Tiere sind derzeit im Bestand des Familienbetriebs. Seine Zuchttiere sind bei Auktionen nicht selten die teuersten, die verkauft werden.

Einsame Weiden sind ideal

Die Stallungen der Naschkes stehen außerhalb der Gemeinde Schenkendöbern und sind über eine Schotterpiste zu erreichen. Auch der Bauer braucht zehn Minuten, bis er dort ist und ansonsten ist es hier vor allem eins: einsam. Und diese Einsamkeit bietet gute Voraussetzungen für die Viehdiebe. Arbeitszeiten, Gewohnheiten und Wohnort des Besitzers Naschke können erkundet werden. Und für den Diebstahl selbst haben die Diebe dank der Abgeschiedenheit genug Zeit. Auch, um die Tiere auszuwählen. 

"Die haben die Bedingungen mit Sicherheit ganz genau ausspioniert. Die fühlen sich da ganz sicher. Und lassen sich auch wirklich Zeit. Sortieren die Tiere genau durch, nehmen wirklich auch nur die hochwertigen."
Bauer Naschke über die Viehdiebe

Sorgfältige Auswahl der Beute

Die gestohlenen Rinder wurden sorgfältig ausgewählt. Polizei und Landwirte vermuten daher, dass die Täter sich gut auskennen und den Wert der Tiere schon vor dem Diebstahl taxieren. Expertise ist aber auch im Umgang mit den Rindern selbst gefragt. Denn wenn sich ein Mensch einem Kalb nähert und das Kalb einen Angstschrei loslässt, haben es die Diebe nicht nur mit der Mutter zu tun. Die ganze Herde kommt auf sie zu, um anzugreifen.

"Sobald ich hier ein Kalb anfasse und das Kalb lässt einen Angstschrei los, ergreife ich die Flucht. Weil die ganze Herde wirklich auf uns zukommt. Und die greifen an."
Bauer Naschke zur Reaktion der Herde auf ein ängstliches Kalb

Volker Naschke vermutet, dass die Täter in der Nacht die Muttertiere zu den Futtergittern gelockt haben. Durch die Gitter stecken Kühe ihren Kopf, um den Trog zu erreichen. Sind die Gitter geschlossen, können die Kühe ihren Kopf nicht mehr herausziehen. Die Viehdiebe könnten dann in aller Ruhe die herumlaufenden Kälber zusammentreiben und auf Viehtransporter verladen.

Besondere Vorbereitung ist für den Diebstahl von Bullen nötig

In einigen Fällen wurden auch ausgewachsene Zuchtbullen gestohlen. Sie können ein Gewicht von bis zu 1,5 Tonnen erreichen. Für Laien kann es lebensgefährlich werden, sich ihnen zu nähern. Sebastian Scholze vom Bauernverbund Brandenburg glaubt deswegen, dass die Diebe nicht unvorbereitet auf die Bullen zugehen: Vorbereitung meint hier, dass die Bullen vielleicht von den Dieben angefüttert wurden und somit den Tieren nicht mehr unbekannt sind. Nach einer anderen These narkotisieren die Diebe die Bullen.

"Wenn man da zu viel gibt, ist der Effekt, dass der Bulle einfach schläft und sich hinlegt und dann nicht auf den Laster geht."
Sebastian Scholze, Bauernverbund Brandenburg

Für die Narkose der Bullen spricht auch, dass den Tieren in einigen Fällen noch auf dem Hof die gelben Ohrmarken rausgerissen wurden. Wenn das Tier in der EU geschlachtet oder verkauft werden soll, dann wird die Ohrmarke geprüft. Das heißt: Auch wenn die Täter Ohrmarken fälschen, können die Tiere nicht weiter vermarktet werden. Zumindest nicht legal.

Soko "Muh"

Das Landeskriminalamt hat Anfang März eine Sonderkommission eingesetzt. Eine erste heiße Spur führt zu einer Tätergruppe in Stettin in Polen. Außerdem sollen einige Rinder auf einem Markt in der Ukraine zum Verkauf angeboten worden sein.

Die Bauern in Brandenburg können in der Zwischenzeit nicht viel unternehmen, denn wirklich schützen können sie sich nicht. Zu teuer ist eine Überwachungstechnik, besonders im Jahr nach der Milchkrise.