Anna-Lena Gruenagel hat einen Brieffreund in Florida: Renaldo. Seit er 18 Jahre alt ist, sitzt er im Todestrakt. Vielleicht wird er bald hingerichtet.

Seit sechs Jahren schreiben sie sich regelmäßig Briefe: Von Köln ins Florida State Prison und zurück. Anna-Lena Gruenagel bezeichnet Renaldo inzwischen als einen echten Freund. Schon sechs Mal hat sie ihn im Gefängnis besucht. Eine siebte Reise ist geplant.

Ob Renaldo mit 18 Jahren die 63-jährige Diana Miller tatsächlich ermordet hat, wie ihm zur Last gelegt wird, ist für Anna-Lena nicht entscheidend. Sie sagt, er sei schon verurteilt, sie wolle das nicht tun. Im Sommer wird sein Urteil ein letztes Mal geprüft. Vielleicht wird er danach hingerichtet. Renaldo hat seine Schuld stets bestritten.

"Mir geht es darum, jemanden zu unterstützen, der im Todestrakt sitzt - und der täglich mit seinem eigenen Tod bedroht ist."
Anna-Lena Gruenagel
Eine Frau steht lächelnd hinter einem Mann.
© Anna-Lena Gruenagel
Anna-Lena und Renaldo

Vor ihrem ersten Brief war Anna-Lena sehr aufgeregt, erzählt sie. Sie habe erst mal nur sehr knapp und oberflächlich beschrieben, wer sie sei und was sie mache. Die Antwort aus dem Gefängnis kam aber ganz schnell - mit sehr vielen Fragen.

"Sofort kam ein Antwortbrief von ihm, der war - glaube ich - sechs Seiten lang, was mich ein bisschen überfordert hat."
Anna-Lena Gruenagel

Anna-Lena wurde zufällig vor sechs Jahren auf den Schweizer Verein lifespark (zu Deutsch: "Lebensfunke") aufmerksam, der sich gegen die Todesstrafe einsetzt und solche Brieffreundschaften vermittelt. Sie wollte sich ehrenamtlich engagieren, ist prinzipiell gegen die Todesstrafe und dachte, das könnte gut zu ihr passen. Inzwischen ist Anna-Lena selbst Präsidentin des Vereins.

Drei Ordner voller Briefe

Mittlerweile geht die Post mindestens wöchentlich zwischen Anna-Lena und Renaldo hin und her. In den Briefen hätten sich beide sofort sehr gut verstanden, sagt Anna-Lena. Nach eineinhalb Jahren Brieffreundschaft bucht sie zum ersten Mal einen Flug für ein Treffen. Schon der erste Besuch war sehr emotional, erzählt sie - schon allein, weil sie vorher noch nie in einem Gefängnis war.

"Es war so, als ob ich einen super alten Freund wiedertreffe."
Anna-Lena Gruenagel

Was Anna-Lena erstaunt: Renaldo sei unglaublich positiv eingestellt und voller Hoffnung. "Das ist wohl auch das Einzige, was ihn vom Verrücktwerden abhält", meint sie. Über den möglichen Tod ihres Brieffreunds denkt sie nicht nach, "weil das für mich sehr schwierig werden würde".

Es gibt aber auch Dinge und Erlebnisse, die Anna-Lena nicht mit Renaldo teilt: Wenn sie einen Partner hat, beispielsweise, spricht sie mit Renaldo nicht im Detail darüber - um sich und auch ihn zu schützen. Sie glaubt, dass er mehr in ihr sehen könnte als nur eine Brieffreundin und möchte ihn nicht verletzen.

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