Nach der Wahl der neuen Parteispitze gibt es Diskussionen in der CDU. Ein Vorwurf: Die Delegierten hätten ganz anders abgestimmt als die Parteibasis. Dafür gibt es Indizien - aber vieles spricht auch dagegen.

Die Wahl zwischen Friedrich Merz und Annegret Kramp-Karrenbauer war knapp. 517 der 999 abgegebenen gültigen Stimmen gingen an die Saarländerin, Merz kam auf 482 Stimmen.

Annegret Kramp-Karrenbauer galt lange als "Mini-Merkel". Sie steht für diejenigen, die Merkels Politik eigentlich ganz okay finden, für ein "weiter so".

Anders Friedrich Merz. Seine Wahl hätte sicherlich eine deutliche Wende in der Ausrichtung der CDU-Politik bedeutet. Hätte. Die Unterschiede zwischen den Kandidaten waren groß, der Stimmen-Abstand klein. Logisch, dass es nun Diskussionen innerhalb der Partei gibt.

"Die Basis hätte anders entschieden"

Eine Meinung, die wir am Montag (10.12.) hier abgebildet haben, war die Position von Diego Faßnacht, CDU-Kreistagsabgeordneter für den Kreisverband Rheinisch-Bergischer Kreis. Der war im Friedrich-Merz-Lager und hatte seinem Ärger über die Wahl von Kramp-Karrenbauer in einem langen Facebook-Post Luft gemacht.

Im Interview mit Deutschlandfunk Nova hatte er gesagt, dass die CDU-Basis völlig anders entschieden hätte als die Delegierten.

"Von den Umfragen, von denen man weiß, da ist Friedrich Merz - in unterschiedlicher Höhe - tatsächlich immer vorne."
Katharina Hamberger, Hauptstadtkorrespondentin

Unsere Korrespondentin Katharina Hamberger sagt: Vor der Wahl wurde in vielen Landes- und Kreisverbänden die Meinung der Mitglieder eingeholt - allerdings auf sehr unterschiedliche Weise.

Im CDU-Landesverband Sachsen-Anhalt gab es beispielsweise eine Mitgliederbefragung vor der Wahl zum neuen Parteivorsitzenden. Andere Verbände haben ihre Mitglieder online befragt oder sie haben sich auf Kreistagen umgehört, für wen die Mitglieder stimmen würden.

Bei einer Umfrage im Kreisverband Ravensburg kam Friedrich Merz etwa auf 67 Prozent, Annegret Kramp-Karrenbauer hingegen auf 24 Prozent. Bei der Mitgliederbefragung in Sachsen-Anhalt bekam Merz 55,8 Prozent der Stimmen, Kramp-Karrenbauer 39,5 Prozent.

Unsere Hauptstadtkorrespondentin sagt: Die Aussagekraft dieser Umfragen ist begrenzt, denn die Wahl sei nicht immer geheim gewesen. Teilweise wurde mit Handzeichen abgestimmt. Außerdem hätten auch nicht immer alle Mitglieder mitgemacht. In Sachsen-Anhalt hatten von den rund 6476 Mitgliedern nur 2438 teilgenommen.

Auch die Reden haben für die Abstimmung in der CDU eine Rolle gespielt

Katharina Hamberger sagt, dass die Delegierten frei in ihrer Entscheidung sind, wen sie wählen. Die Abstimmung war außerdem geheim, heißt: Niemand kann ihnen reinreden. Sie glaubt dennoch, dass die Delegierten die Stimmung an der Basis beobachtet haben. Schließlich sei das Ergebnis am Ende auch sehr knapp gewesen. 

Sie gibt aber auch zu Bedenken, dass die Rede, die die Kandidaten am Tag der Wahl vor den Delegierten gehalten haben, eine Rolle gespielt habe. Hamberger ist sich nicht sicher, ob die Mitglieder an der Basis auch für Friedrich Merz gestimmt hätten, nachdem sie die Rede von Annegret Kramp-Karrenbauer gehört haben.

Die Frage lässt sich im Nachhinein nicht mehr beantworten, Katharina Hamberger glaubt aber, dass die Wahlentscheidung vergangenen Freitag von vielen Faktoren abhing.

"Da kommen noch viele Faktoren auf diesem Parteitag hinzu, die entscheidend sind. Der Delegierte entscheidet auch: Kann man mit der Person Wahlen gewinnen?"
Katharina Hamberger, Korrespondentin im Hauptstadtstudio in Berlin

Außerdem, sagt Katharina, könnte der unterschiedliche demografische Hintergrund bei den Delegierten und der Basis eine Rolle gespielt haben: Die Delegierten seien durchschnittlich etwas weiblicher und jünger – im Vergleich zum Durchschnitt der Basis.

"Ich würde nicht sagen, sie haben das Votum der Basis missachtet, sondern sie haben vielleicht nicht so abgestimmt, wie es sich der ein oder andere gewünscht hat."
Katharina Hamberger, Korrespondentin im Hauptstadtstudio in Berlin

Diego Faßnacht, der CDU-Kreistagsabgeordnete für den Kreisverband Rheinisch-Bergischer Kreis, hatte in dem Interview mit Deutschlandfunk Nova auch gesagt, dass die Wahl von Annegret Kramp-Karrenbauer zu einer Welle von Austritten aus der CDU geführt habe.

Unsere Hauptstadtkorrespondentin kann das nicht bestätigen. Die Landesverbände, mit denen sie gesprochen hat, wussten bisher nur von vereinzelten Austritten, gleichzeitig gab es nach der Wahl von Annegret Kramp-Karrenbauer – beispielsweise in Sachsen oder Schleswig-Holstein – etliche Neuanträge auf eine Mitgliedschaft in der CDU.

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