Nach den Ausschreitungen in Chemnitz wird um die Einordnung und Deutung der rechtsextremen Gewalt gestritten. Verallgemeinerungen der Politiker heizten die Stimmung nur zusätzlich auf, dagegen wirken präzise Begriffe mäßigend, sagt der Konfliktforscher Andreas Zick.

Die verallgemeinernden Aussagen von Regierungsmitgliedern, Ministern und Politikern heizten die Stimmung eher auf, sagt Andreas Zick. Stattdessen sollten sie in der aufgeheizten Stimmung mit ihren Aussagen eher mäßigend wirken, so der Konfliktforscher und Sozialpsychologe von der Uni Bielefeld.

So hat beispielsweise Regierungssprecher Steffen Seibert die Gewalt Rechtsextremer gegen Menschen mit ausländischem Aussehen während der Demonstrationen in Chemnitz als Hetzjagden und Zusammenrottungen bezeichnet und verurteilt. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat die Ausschreitungen ebenfalls verurteilt und die gleichen Begriffe verwendet.

"Mob und Hetzjagd sind relativ unbestimmte Begriffe und man wundert sich, dass verantwortliche Menschen solche Begriffe verwenden."

Der Konfliktforscher kritisiert die Ausdrücke "Mob" und "Hetzjagd" als unpräzise. Diese Begriffe würden scheinbar die Geschehnisse erklären, sie erzeugten aber vor allem Aufmerksamkeit für diejenigen, die diese Begriffe benutzen. "Das ist ziemlich modern bei solchen Phänomenen, die medial inszeniert werden", sagt der Konfliktforscher. Aber genau das sei fatal, weil die Menschen verstehen wollen, was passiert. Unpräzise Begriffe seien dabei nur schädlich. 

Denn: "Die Mehrheit teilt die Angst vor politischem Extremismus", sagt Andreas Zick. Und diese Menschen werden durch unpräzise Begriffe weiter verunsichert.

Verständnis für Teilnahme an Demo

Anders äußert sich Bundesinnenminister Horst Seehofer. Bei einer CSU-Klausurtagung habe er gesagt, dass er Verständnis für die Teilnehmer der Demonstrationen habe, zu denen unter anderem die rechtsextreme Bewegung "Pro Chemnitz" aufgerufen hat. Für ihn sei Migration die Mutter aller Probleme, wird er von Teilnehmer der Klausurtagung zitiert.

"Ich kann solche generalisierenden Aussagen in einer aufgeheizten Zeit, in der Emotionalisierungen eine sehr große Rolle spielen, nicht nachvollziehen. Sicherheitsorgane, Institutionen und Behörden müssen mäßigend einwirken."
Andreas Zick, Konfliktforscher und Sozialpsychologe

Verallgemeinerungen wirkten auf sogenannte Mitläufer erst einmal bestätigend, sagt Andreas Zick. Problematisch sei, dass solche Äußerungen wie ein Boomerang am Ende wieder ihren Absender treffen. Denn ohne eine genaue Analyse der Ereignisse und der Fakten entstünde der Eindruck, als hätten die Führungspersonen die Kontrolle verloren.

Vor allem darin liege die Gefahr solcher vorschnellen Äußerungen und Verallgemeinerungen, denn sie seien wie Wasser auf den Mühlen einer Propaganda.

Der Konfliktforscher definiert die Ausschreitungen in Chemnitz als "organisierte Handlungen des Rechtsextremismus". Organisiert werden diese Aktionen von "klaren Identitäten", von Personen, die sich eindeutig zum Rechtsextremismus bekennen. Sie bezeichnen zunehmend ihre Aktionen als "Akte des Widerstands".

"Was ist da passiert in Chemnitz? Es sind organisierte Handlungen des Rechtsextremismus. Zunehmend werden solche Aktionen als Akte des Widerstands beurteilt."
Andreas Zick, Konfliktforscher und Sozialpsychologe

Diese gut organisierten Aktionen im extremistischen Bereich seien so gestaltet, dass auch Menschen, die eigentlich keine Extremisten seien, diese Aktionen unterstützen - so die Einordnung von Andreas Zick.

Ziel: Mitläufer gewinnen

Der Konfliktforscher weist auf das gut analysierte Phänomen der Riots in England hin. Das seien Krawalle, die aus bestimmten extremistischen Milieus kommen und die andere Milieus anstecken sollen.

Im Falle der Aktionen in Chemnitz gäbe es eine große Schnittmenge zwischen rechtsextremistischen und nicht extremistischen Einstellungen. Beispielsweise teilen die "Mitläufer" die Haltung der Rechtsextremen, dass der Staat die Kontrolle verloren habe oder Vorurteile gegen Migranten und Stereotypen. Die Menschen würden dann die Ideologien teilen und sich an diesen rechtsextremen Gruppen orientieren. 

"Man steht dabei und ist sich der eigenen Verantwortung überhaupt nicht mehr bewusst."
Andreas Zick, Konfliktforscher und Sozialpsychologe

Bei diesen Aktionen handele es sich um eine Gruppenaktivität, in die Einzelne von Extremisten hineingezogen werden, so der Konfliktforscher. Im Nachhinein würden sich auf Nachfrage diese "Mitläufer" distanzieren und sagen, sie meinten es gar nicht so.

Debattenkultur pflegen

Diskussionen über Migration, Extremismus, Kriminalität von Ausländern und Einheimischen gehörten zu unserer "europäischen Identität" - "dass wir uns streiten und nicht an einfache Wahrheiten glauben", sagt Andreas Zick. In diesem Streit der Meinungen versuchen wir eine mögliche richtige Interpretation zu finden. Gleichzeitig müssten wir die Fähigkeit zeigen, diese Diskussionen zu regulieren und Aggressionen und Gewalt davon fernzuhalten.

Zivilisationprozesse seien Prozesse, in denen wir unsere Emotionen kontrollieren. Möglicherweise seien uns diese zivilgesellschaftliche Tugenden verloren gegangen, um Geschehnisse wie in Chemnitz oder Migration und ursächliche Faktoren zu verstehen.

Uns fehle ein integratives Leitbild für alle, sagt Andreas Zick. Wir würden ständig in Konflikte miteinander geraten, weil es Distanzen zwischen "die da oben" und "die da unten", zwischen Pro-Migration und Contra-Migration gäbe. "Institutionen, die dabei mäßigenden wirken, fehlen uns offensichtlich oder verlieren Vertrauen". Deshalb müsse man jetzt sehen, wie man "diese Hetze und Emotionalisierung wieder in den Griff" bekomme, mahnt der Konfliktforscher.

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