Angeblich sollen in China die ersten genmanipulierten Babys geboren worden sein - zwei Mädchen. Der chinesische Forscher He Jiankui behauptet, die Zwillinge mithilfe von Gentechnik immun gegen HIV gemacht zu haben. Der Aufschrei in der Wissenschaft ist groß. Wir sprechen mit Andreas Lob-Hüdepohl, er ist Mitglied im Deutschen Ethikrat. Er sagt: Der Zweck heiligt nicht die Mittel.

Wenn es stimmt, was He Jiankui behauptet, dann wurden im November in China zum ersten Mal Menschen geboren, deren Erbgut mithilfe der noch relativ neuen Methode Cripr-Cas verändert wurde. Die Nachricht hat einen weltweiten Aufschrei unter Wissenschaftlern und Ethikern ausgelöst.

Auch Andreas Lob-Hüdepohl vom Deutschen Ethikrat findet es völlig inakzeptabel, dass der chinesische Wissenschaftler offenbar an Menschen experimentiert hat.

"Das Ziel - die Verhütung eines schweren Erkrankungsrisikos - mag vielleicht sinnvoll sein. Aber die Mittel, die der Wissenschaftler zum Einsatz gebracht hat, sind aus meiner Perspektive völlig inakzeptabel."
Andreas Lob-Hüdepohl, Mitglied im Deutschen Ethikrat

Die Technik des Genom-Editings sei in diesem Kontext noch völlig unausgereift, so der Ethiker. "Wir wissen nicht, welche Nebeneffekte es beinhaltet, wie die veränderten Keimbahnen mit der Umwelt interagieren oder was langfristig an Änderungen eintritt, wenn die Mädchen älter werden", sagt er.

Nach jetziger ethischer Definition sei ein solcher Eingriff nur legitim, wenn das Risiko überschaubar sei und das Einverständnis der Betroffenen angenommen werden könne. Beides sei aus seiner Sicht nicht der Fall - selbst wenn der Wissenschaftler mit dem Versuch eigentlich einen guten Zweck verfolgte.

"Mit welcher Gendisposition wir tatsächlich geboren werden, hängt ab von unseren beiden Eltern, die wir uns nicht aussuchen können."
Andreas Lob-Hüdepohl, Mitglied im Deutschen Ethikrat

Konkret nennt Andreas Lob-Hüdepohl drei Kriterien, die vor einem Eingriff ins Erbgut zu prüfen seien:

  1. Die Risiken müssen vertretbar sein. Bislang sind sie das nach Ansicht des Ethikers bei solchen Genmanipulationen aber nicht.
  2. Die Risiken müssen durch eine intensive Grundlagenforschung bekannt sein. "Es darf nicht sein, dass wir an Menschen experimentieren."
  3. Die betroffenen Menschen müssten dem Eingriff zustimmen können. Sofern sie das nicht können, weil sie noch nicht geboren worden sind, müssen wir eine solche Zustimmung zumindest unterstellen können.

"Alle haben die gleiche Würde"

Andreas Lob-Hüdepohl sagt, alle Menschen haben die gleiche Würde - und ein Recht auf Unversehrtheit. Bislang seien zwar alle Menschen quasi Gefangene ihrer Gene, das heißt, wir können unser Erbgut nicht beeinflussen. Doch das sei die "Lotterie des Lebens".

Greifen wir in diese Lotterie ein, muss das an sich nicht schlecht sein, meint Andreas Lob-Hüdepohl, aber: "Es muss genau verantwortet sein, ob die Manipulationen auch im Interesse derer sind, die manipuliert werden". Bei vielen schweren Erkrankungen könne man das vermuten, bei vielen anderen Fragen aber nicht. Der aktuelle Fall jedenfalls rechtfertigt für Andreas Lob-Hüdepohl einen solchen Eingriff keinesfalls.

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