Wohnraum in Städten ist knapp – auch in Unistädten wie Heidelberg. Eine Initiative von Studierenden kämpft dort auf ihre Art gegen den Wohnungsmangel: Sie baut ein Wohnheim.

Vergangenes Wochenende (06. und 07. April 2019) sind Zehntausende Menschen in Deutschland auf die Straßen gegangen, um für bezahlbaren Wohnraum zu demonstriert. In Berlin werden sogar Unterschriften für ein Volksbegehren gesammelt - dessen Ziel: Große Wohnkonzerne sollen enteignet werden.

Der Wohnungsmangel trifft auch Studierende in ganz Deutschland. Eine Initiative in Heidelberg will dagegen etwas tun und ein eigenes Wohnheim bauen. Collegium Academicum soll es heißen, die Initiative dazu hat sich 2013 gegründet.

Einen Bauplatz gibt es auch schon: ein Gelände mit alten US-amerikanischen Kasernen im Heidelberger Süden. Deutschlandfunk-Nova-Reporter Daniel Stender war dort und hat mit Ina Kuhn vom Collegium Academicum gesprochen.

Chance auf bezahlbaren Wohnraum

Ina ist 22 Jahre alt, hat einen Bachelor in Psychologie und macht seit drei Jahren bei der Initiative mit – gemeinsam mit rund 20 weiteren Studierenden. Denn in Heidelberg kostet ein Zimmer im Schnitt 380 Euro – und es gibt einige Angebote, die teurer sind. Das kann sich nicht jede Studierende leisten.

"Das neue Collegium Academicum besteht aus einem Altbau und aus einem Neubau und hat Platz für 220 junge Menschen."
Ina Kuhn, 22, Mitglied der Initiative

Gerade ist es noch leer auf dem alten Kasernengelände, und die Natur nimmt sich Stück für Stück das Land zurück – aber das soll bald aufhören. Dann soll das neue Collegium Academicum gebaut werden. Ein vierstöckiger Holzneubau, der an einen alten Bau anschließt und Platz für rund 220 Menschen bieten soll. So nachhaltig wie möglich solle gebaut werden, sagt Ina.

Nachhaltige und flexible Bauweise

In dem Collegium Academicum soll es Dreier- und Vierer-WGs geben. Es gibt schon einen begehbaren Modellraum, der zeigt, wie die Zimmer im Wohnheim mal aussehen sollen: 14 Quadratmeter, die durch eine flexible Steckbauweise auch auf 7 Quadratmeter verkleinert werden können, um mehr Gemeinschaftsfläche zu erhalten.

"Man kann sein Zimmer auch auf sieben Quadratmeter verkleinern, und kann somit, wenn das jeder in der WG machen würde, bis zu 50 Quadratmeter Gemeinschaftsfläche erzeugen."
Ina Kuhn, 22, Mitglied der Initiative

Ökologisch, bezahlbar, selbstverwaltet, demokratisch – diese Punkte sind Ina wichtig. Der Neubau aus Holz soll keine metallischen Verbindungsstücke enthalten, auf das Dach kommen Solarflächen. "Wir bauen das nachhaltig und versuchen es auch nachhaltig zu leben", sagt Ina.

Modellraum von außen
© Deutschlandfunk Nova | Daniel Stender
Der Modellraum der künftigen WG-Zimmer von außen

Finanzierung über Direktkredite

So ein Bauprojekt ist nicht billig: Die Initiative benötigt rund 16 Millionen Euro. Da die Studierenden selbst nicht viel Geld haben, versuchen sie, das Projekt über Direktkredite zu finanzieren. Zwei Millionen Euro haben sie so schon gesammelt. Das ist genug, um den Bankkredit von 11 Millionen Euro aufnehmen zu können.

"Da wir alle junge Menschen sind, die selber kein Geld haben, können Menschen, die unser Projekt gut finden, uns einen Direktkredit ab 1000 Euro geben, und das Geld wird über einen Zinssatz zwischen 0 und 2 Prozent über die Mieteinnahmen wieder zurückgezahlt."
Ina Kuhn, 22, Mitglied der Initiative

Das Projekt wird von Menschen aus den unterschiedlichsten Kontexten unterstützt. Darunter sind auch viele Die Spenderinnen und Spender, die ehemalige Bewohner des alten Collegium Academicum sind. Das war in der Heidelberger Innenstadt und wurde gleich nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet. In den 60er und 70er Jahren wurde das Collegium Academicum ein Zentrum linker Studenten, 1978 räumte die Polizei das Gebäude, ein paar Bewohner führten das Projekt in einer Mietwohnung fort.

Heute geben sie ihr Geld für die künftigen Bewohnerinnen und Bewohner. Diese Direktkredite werden später über die Mieteinnahmen mit einem Zinssatz zwischen 0 und 2 Prozent zurückgezahlt. Wenn der Bau im Sommer beginnen soll, wird auch Ina Kuhn nicht mehr dabei sein – sie will aus Heidelberg wegziehen. So baut sie jetzt schon für die künftigen Generationen von Studierenden.