Wie wird sich die Coronavirus-Pandemie im Herbst und Winter entwickeln? Forschende haben das durchgerechnet. Zwei von drei Szenarien lassen zumindest teilweise optimistisch auf die kommenden Monate blicken.

Die Corona-Neuinfektionen haben in den vergangenen Wochen wieder zugenommen. Es ist die erwartete Herbstwelle. Anders als in den letzten Pandemie-Jahren gibt es aktuell allerdings kaum Corona-Sschutzmaßnahmen.

Forschenden vom sogenannten Modellierungsnetz, das die Universitätsmedizin Halle koordiniert, haben untersucht, wie sich das Infektionsgeschehen im Herbst und Winter entwickeln könnte. Physikerin Viola Priesemann ist eine von ihnen. Sie berät auch die Bundesregierung zusammen mit anderen Expert*innen im Umgang mit dem Coronavirus.

In ihrer Modellrechnung für die kommenden Monate konnten die Forschenden drei Szenarien ausmachen, die denkbar wären. "Die Realität kann natürlich auch überall dazwischen liegen", sagt Viola Priesemann.

Drei Corona-Szenarien für Herbst und Winter

  1. Die Omikron-Variante bleibt dominant, es kommt keine neue Virusvariante dazu: Eine Infektionswelle im Winter ist erwartbar. Denkbar wäre eine Infektionswelle wie im vergangenen Winter. Was in diesem Szenario hinzukommen würde, ist eine Grippewelle (Influenza). Das bedeutet: Viele Menschen wären entweder wegen Corona oder der Grippe krank und würden in ihrem Job zeitweise ausfallen. "Das ist ein Engpass, mit dem wir Probleme bekommen werden", so die Physikerin. Besonders in den Krankenhäusern und an anderen Orten der kritischen Infrastruktur.
  2. Eine neue Virusvariante setzt sich durch: Diese Virusvariante wäre deutlich ansteckender, weil sie den bisherigen Immunschutz teilweise umgehen könnte. Die Inzidenzen würden deutlich höher ausfallen und der Personalausfall aus dem ersten Szenario würde sich hier verschärfen. Durch die neue Virusvariante würde in diesem Modell das Risiko für schwere Krankheitsverläufe aber nicht zunehmen.
  3. Die neue Virusvariante setzt sich durch und sorgt für mehr schwere Krankheitsverläufe: Dieses Szenario wäre ungefähr mit der Ausbreitung der Delta-Variante ab Mitte 2021 vergleichbar. Das würde dazu führen, dass die Krankenhäuser noch stärker ausgelastet wären als bisher in der gesamten Pandemie-Zeit. Zusätzlich würde es in den Krankenhäusern zu einer hohen Belastung durch Personalausfall kommen.
"Ich bin in dem Sinne optimistisch, da der Immunitätsschutz der Bevölkerung wesentlich besser ist als letztes Jahr."
Viola Priesmann, Physikerin

Weiter Maske und Isolation

Zum aktuellen Zeitpunkt können die Forschenden noch nicht absehen, welches Szenario am wahrscheinlichsten ist. Was das Risiko für einem schweren Krankheitsverlauf angeht, ist Viola Priesemann allerdings optimistisch, weil viele mittlerweile einen höheren Immunschutz aufgebaut haben als noch im vergangenen Jahr. "Das heißt: Für die meisten Personen ist das Risiko so gering, wie es im Prinzip nur sein kann. Die Personen sind geimpft und waren im Zweifel auch schon mal infiziert."

Für die Krankenhäuser und das Gesundheitssystem ist die Belastung aber weiter hoch. Zum grundsätzlichen Personalmangel verschärfen die Ausfälle durch eine Covid-19-Infektion im dritten Jahr dieser Pandemie die Belastung für die Mitarbeiter*innen zusätzlich. "Nach drei Jahren hört man von allen Seiten die wahnsinnige Ermüdung", sagt sie.

"Die Belastung im Gesundheitssystem ist natürlich massiv. Die sind jetzt im dritten Jahr Pandemie, die haben schon immer Personalmangel gehabt und – verschärft durch die Pandemie – noch mal Personalausfälle."
Viola Priesmann, Physikerin

Was wir ihrer Meinung nach alle machen können, ist weiterhin solidarisch zu sein. Das geht, indem wir weiter eine Maske tragen und die Isolationspflicht einhalten. Damit schützen wir uns und auch andere, wodurch letzten Endes auch das Gesundheitssystem stärker entlastet werden würde.

  • Kurz und Heute
  • Moderatorin:  Rahel Klein
  • Gesprächspartnerin:  Viola Priesemann, Physikerin, Mitglied im Covid-19-Expert*innenrat der Bundesregierung